Die Herbstausfahrt

Endlich war wieder Herbst. Der 1. Bierfreunde-Oldtimerclub traf sich zu seiner traditionellen Ausfahrt in Abtenau mit Verkostung von verschiedensten Bieren, darunter auch der wunderbare rote Herbstbock. Matthias hatte sich heuer ein neues grünes Cabrio aus den Sechzigerjahren zugelegt. Leider nicht billig, sehr zum Mißfallen seiner Frau, die aus Protest diesmal nicht teilnehmen würde. Matthias war klar, dass er mit dem neuen Oldtimer jedenfalls eine Begleitung brauchte, die er in Form seiner hübschen Assistentin auch fand. Beim Abschied zuhause bedauerte er das Fernbleiben von Andrea, mit der er heuer die goldene Hochzeit feierte, zutiefst, verstand aber auch den Protest und versprach keine teuren Anschaffungen ohne Rücksprache mehr zu tätigen. Außer Sichtweite seiner Gattin stieg er nun quietschvergnügt in das Fahrzeug und beim Anlassen des Motors spürte er bereits eine leichte Gänsehaut an den Unterarmen. Fünfzehn Minuten später gabelte er die Assistentin auf, die in einem hübschen, für die Jahreszeit eher lüftigen, kurzen Kleid am Beifahrersitz Platz nahm. Sie unterhielten sich bestens und am Treffpunkt waren diesmal zwölf weitere Teilnehmer samt Gattinnen bzw. anderweitigen Frauen, die in den letzten Jahren durch die Midlife-Crisis der einzelnen Clubmitglieder öfter wechselten. Am ersten Einkehrpunkt prostete sich die Runde bereits um 10.00 Uhr fröhlich mit einem Bier zu. Die zweite und dritte Einkehr verlief ähnlich und einige Fahrzeuge wurden bereits von den zuvor am Beifahrersitz befindlichen Frauen gelenkt. Matthias fühlte sich noch immer fahrtüchtig und sie genossen den Fahrtwind und die Landschaft. Zu Mittag gab es ein prächtiges Hirschragout und nicht zu vergessen den Herbstbock, der heuer äußerst gelungen war. Manche Frauen konnten jetzt auch nicht mehr fahren, weshalb in einigen Fahrzeugen nun doch wieder die Männer am Fahrersitz saßen, hoffend, dass polizeiliche Kontrollen unterblieben. Matthias fuhr immer noch selber, da seine Assistentin partout keinen Oldtimer fahren wollte, wohl aus Angst ihn zu beschädigen. Zwei weitere Zwischenstopps um 14.30 Uhr und um 15.45 Uhr verliefen ohne nennenswerte Zwischenfälle, wobei die Autosuche und das Platznehmen am Fahrersitz schon aufgrund des Alkoholkonsums für die Teilnehmer eine gewisse Herausforderung darstellte. Um 17.30 sollte das letzte Gasthaus erreicht werden und dort wurde auch übernächtigt. Fast alle der Teilnehmer waren bereits eingetroffen, nur Matthias fehlte samt Assistentin. Der Bierkonsum hatte den Appetit angeregt und als seine Assistentin während der Fahrt ihre Hand zärtlich auf sein Bein legte, schaute Matthias kurz nach unten und übersah eine Linkskurve. Er bremste zwar, konnte aber den schleudernden Wagen nicht mehr unter Kontrolle bringen und touchierte einige Holzstämme, die neben der Strasse in einer Wiese aufgestapelt waren. Das Fahrzeug war nur leicht beschädigt, aber es fehlte das linke Vorderlicht zur Gänze. Dem nicht genug kam auch noch eine Polizeistreife des Weges, deren männlicher Part schon weiterfahren wollte, nachdem ihm Matthias versicherte, dass nichts wirklich passiert sei und seine Assistentin das kopfnickend unterstrich, während aber der weibliche Part der Polizeistreife hier weiter amtshandeln musste, was zu dem führte, dass Matthias nun nicht mehr im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis war, von einer Amtsbeleidigung sah sie noch im letzten Moment ab. Als Glück im Unglück konnte die Nähe zum letzten Treffpunkt gesehen werden. Die Assistentin hatte ihn trotz der kurzen Strecke noch entscheidend aufmuntern können, was eine lächerliche halbe Stunde Zeitverzögerung bedeutete. Arm in Arm trafen die Beiden bestens gelaunt und etwas geschwächt im Gasthaus ein, küssten sich gerade, als ihm mehrere Clubkollegen entgegenrannten und ihn wohl warnen wollten. Dafür war es aber zu spät. Seine Gattin hatte ihn nach einer längeren Überlegungsfrist überraschen wollen, was ihr auch nachhaltig gelang. Die Erklärungsversuche scheiterten kläglich und das Kopfschütteln der Assistentin beruhigte die Situation in keiner Weise. Nach einem heftigen Tritt ins Schienbein und einer schallenden Ohrfeige verließ seine Andrea den Ort des Geschehens. Matthias bewies im Sinne eines wahren Gentleman Contenance und nahm seine Assistentin bei der Hand, entschuldigte sich für das Auftreten seiner Gattin und betrat die Gaststube trotz Schmerzen ohne zu Humpeln. Danach fragte er, ob sie nicht doch ein Doppelzimmer statt der beiden reservierten Einzelzimmer nehmen sollten. Seine Assistentin bejahte, schließlich änderte das auch nichts mehr. Nächsten Tag ließ er seinen Oldtimer zur Wohnung seiner Assistentin schleppen und besorgte sich einen Strauß Blumen, um damit seine Frau um Verzeihung zu bitten. Zwei Optionen, eine würde wohl funktionieren. An die dritte Variante hatte er nicht gedacht. Seine Frau ließ sich in weiterer Folge scheiden, die Assistentin hatte ihn zwei Monate später nachdem er ihr das Cabrio geschenkt hatte verlassen. Im folgenden Jahr meldete er sich mangels Fahrzeug und hohen Unterhaltszahlungen nicht zur Ausfahrt an. Als er erfuhr, dass sein Fahrzeug, seine Ex-Gattin und seine ehemalige Assistentin aber sehr wohl teilnahmen, konnten ihn auch mehrere Herbstbockbiere nicht nachhaltig beruhigen.

Harald, 14. September 2019

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