Bierschachtest

Fassbodner, der als Biertester in einer Kreativbrauerei arbeitete, wurde seit Län­gerem schon von schier unerträglichen Alpträumen gequält, in denen ihm vielge­staltige Phantasiewesen erschienen, die ihn solange am Solarplexus kitzelten, bis ihm das Lachen so weh tat, dass er schreien musste vor Schmerz. Als er es zufällig seiner Zugehfrau gegenüber erwähnte, erzählte sie ihm, dass es einen neuen Psy­chotherapeuten in der Stadt gäbe, Dr. Schnippschnapper, der auf polymorphe Phantasiewesen spezialisiert sei und der auch Hausbesuche mache. Fassbodner rief die Praxis von Dr. Schnippschnapper an und bekam ganz kurzfristig einen Termin. Sie verarbedeten sich in der Brauerei. Was er denn für eine Funktion hätte, fragte der Therapeut Fassbodner, nachdem dieser ihm auf einem schwar­zen Schaukelstuhl im Bierstudio Platz angeboten hatte. Fassbodner selbst lüm­melte gegenüber auf einer regenbogenfarbenen Couch. Er sei Bierverkoster, erwi­derte er, und ständig auf der Suche nach neuen Geschmacksrichtungen. In letzter Zeit hätte sie viele neue Substanzen in ihre experimentellen Biere gemischt, vielleicht hingen seine Alpträume ja damit zusammen. Die Wesen, die ihn in sei­nem Alpträumen heimsuchten, seien an sich nicht so schlimm, er wolle von ihnen jedoch nie wieder am Solarplexus gekitzelt werden. „Bierverkoster also“, wieder­holte Dr. Schnippschnapper und kaute nachdenklich auf seinem Bleistift herum. „Dann ist es wohl am besten, wenn wir einen Bierschachtest machen.“ Fassbod­ner nickte. Der Doktor zog aus einer Aktentasche ein Bündel Klecksographien hervor. Er legte Fassbodner das erste Faltbild vor und fragte ihn, was er darauf erkennen könne. Fassbodner überlegte nicht lange. Er sehe eine nackte Tänzerin, die in einer Bügelflasche gefangen sei. „Originell“, murmelte Schnippschnapper und legte Fassbodner das nächste Bild vor. „Sonnenklar!“, rief der Biertester. „Wieder eine nackte Tänzerin in einer Bügelflasche.“ Der Therapeut machte sich mit sei­nem zerkauten Bleistift Notizen. „Noch eine Tänzerin!“, rief Fassbodner beim dritten Bild. „Wieder nackt und wieder in einer Bügelflasche.“ Schnipp­schnapper hielt ihm die vierte Klecksographie hin. „Haben Sie nichts anderes“, rief Fassbodner aufgebracht, „als diese ewigen entblößten Tänzerinnen in ihren Bügelflaschen?“ Er solle sich nicht daran stören, erwiderte der Doktor, und ein­fach nur weiter beschreiben, was er sähe. Nach dem Ende des Tests würden sie dann alles besprechen. Auf den Bildern fünf bis zehn erkannte Fassbodner eben­falls nur jeweils eine nackte Tänzerin, die in einer Bügelflasche gefangen war. „Und?“, fragte er danach den Doktor. „Ist es schlimm?“ „Sehr schlimm“, seufzte Schnippschnapper. „Geradezu unfassbar.“ Er brauche jetzt, ehe er weitermachen könne, zuerst einmal ein Bier. „Ich bringe Ihnen eins von den experimentellen“, sagte Fassbodner. „Ich hole mir auch eins.“ Er kehrte mit zwei Flaschen zurück, von denen er eine dem Doktor reichte. „Das neue Atropa-Pils, unsere jüngste Kreation.“ „Wohlsein!“, rief er. Sie prosteten einander zu und tranken dann beide schon beim ersten Ansetzen ihre Flaschen leer. „Extrem süffig“, konstatierte der Therapeut. „Ich glaube, ich nehme gleich noch eins, falls es Ihnen nichts aus­macht.“ „Keineswegs!“, rief Fassbodner und brachte zwei neue Flaschen, die sie fast gleich schnell leerten wie die beiden ersten. „Noch eins?“, fragte Fassbodner und setzte sich in Bewegung. „Dort“, antwortete der Doktor und deutete in eine Ecke, in der eine gemusterte grüne Gardine von einem Raffhalter fixiert wurde. „Was ist dort?“, fragte Fassbodner, als er mit zwei weiteren Bieren zurückkam. „Sehen Sie es nicht?“, hakte der Doktor nach. „Eine riesige Bügelflasche!“ „Sehe ich“, bestätigte Fassbodner. „Darauf müssen wir trinken.“ Sie leerten ihre jeweils dritte Flasche. „Jetzt!“, rief der Doktor. „In der Flasche! Eine Frau! Sie bewegt sich!“ „Eine nackte Frau!“, bestätigte Fassbodner. „Eine Tänzerin.“ „Sie winkt uns zu sich!“ schrie Schnippschnapper völlig fassungslos. „Sie will, dass wir mit ihr tanzen!“ „Wir müssen uns ausziehen!“, rief Fassbodner. „Schnell, ehe es zu spät ist!“ Sie rissen sich die Kleider vom Leib und fingen an, ekstatisch an der grünen Gardine entlang zu tanzen, auf und ab, wieder und wieder.

Als der Nachtwächter am nächsten Morgen sein Protokoll schrieb, vermerkte er darin, dass er mitten in der Nacht im Bierstudio zwei entfesselt tanzende nackte Männer vorgefunden hätte, die einander unter irrem Gelächter gegenseitig am Solarplexus gekitzelt hätten. Erst durch die manuelle Auslösung der Decken­sprinkleranlage sei es ihm gelungen, sie einigermaßen zu beruhigen.

Michael, 27. September 2019

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