Nachtleben

Er war dem Tag schon lang entkommen. Bürgerliche, die tagsüber leben, aber kaum Regungen zeigen können, glatte Gesichter, monotone Bewegungen. Oft wurde er unsicher, ob sie wirklich noch am Leben waren. In den Konzernen, bei Fastfood-Ketten und in den Versicherungsbüros arbeiteten sie Tag für Tag. Sicherheit und Anstand, vordergründige Moral, nichts mehr für ihn. Er lebte in der Nacht, er arbeitete in der Nacht solange, bis die ersten Bürgerlichen mit ihren Blechkäfigen die Stadt wieder eroberten, nur für den Tag, die Nacht gehörte ihm und seinesgleichen. Ein Nebeneinanderbestehen, kein Austausch, für ihn auch nicht notwendig. Jahre war er so zufrieden. Eine erste bürgerliche Keckheit – die lange Nacht der Kirchen – konnte er gut wegstecken. Auch die lange Nacht der Museen akzeptierte er nach kurzer Zeit, wenn auch hier manchmal bereits die ersten echten Tagzombies auftauchten. Vor einer Woche war es dann aber passiert. Er sah um zwei Uhr morgens das Plakat, direkt gegenüber der Wirtschaftskammer. Ein kreativer Tagtiefflieger hatte wohl des Wahnsinns nahe die lange Nacht der Unternehmen ausgerufen. Die lange Nacht der Unternehmen, das bedeutete Krieg. Buberl und Mädels, die brav in einem Bus in der Nacht von einem Unternehmen zum anderen gekarrt werden, um dort die Unternehmen und deren unvergleichbaren Vorzüge kennenzulernen. Tagsüber ja, klar, warum denn auch nicht, wer so was halt mag. Aber in der Nacht, das war ein Eingriff in das Leben seiner Spezies. Sicherlich könnte er das Plakat kreativ erweitern oder verändern. Nein, das war zu einfach und seiner Nacht nicht gerecht. Zwei Nächte beschäftigte er sich damit und mit einem Freund sowie einem weiteren Bekannten schlug er am Freitag zurück: Der lange Tag der Schwärmer war organisiert. Bunt zogen sie durch die Innenstadt, laut, nicht alle ganz bei Sinnen, Falten im Gesicht, Spuren der Nacht klar ersichtlich, nicht perfekt, weder schön noch ganz gesund, Persönlichkeiten, Geschichten, Zusammenhalt. Da dadurch der Autoverkehr leicht gestört wurde, als sie bei der Wirtschaftskammer ihre Abschiedskundgebung hielten, war auch kurz die Polizei zugegen. Im Gegensatz zu den offenen und doch nichtssagenden Mündern, zu sehen in den Büros der Wirtschaftskammer, kommunizierte die Polizei mit ihnen, schließlich kannten sie einander vom Nachtleben. Kurze Zeit später löste er wie mit der Polizistin abgesprochen die kleine Kundgebung wieder auf. Zurückblieb der Tag, nicht das Leben. Zwei Wochen später fuhren die Busse der Wirtschaftskammer durch die Nacht, von Unternehmen zu Unternehmen, zurückblieb… das Nachtleben und er war wieder beruhigt.

Harald, 11. Oktober 2019

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