Ein nächtliches Geschäft

Agathe Reisbesner, die irgendwann im April nachts im Hauptquartier des Phar­makonzerns Goldpill die Büros putzte, wurde stutzig, als sie in der Geisterstunde mit ihrem Wedel den Schreibtisch des Direktors Muffensauser abstaubte und da­bei unabsichtlich die Tastatur seines Laptops berührte. Auf dem Display erschien eine grellblinkende Anzeige, gespickt mit fernöstlichen Schriftzeichen, japanisch oder chinesisch vermutlich, die Agathe naturgemäß nicht zu deuten wusste. Das einzige, was ihr etwas sagte, war eine intermittierend aufblinkende Zahl in der Mitte, deren Wert offenbar im Sekundentakt um eins abnahm. Abgesehen von diesem Count Down fielen Agathe, die Direktor Muffensauser schon mehrmals nachts an seinem Arbeitsplatz arbeitend angetroffen hatte, einige weitere Merk­würdigkeiten auf. Der Hörer des Festnetztelefons lag nämlich neben dem Appa­rat, den wiederum eine angebissene Wurstsemmel zum Teil bedeckte. Ein Glas Wasser, aus dem augenscheinlich ein Gutteil des Inhalts verschüttet worden war, sowie eine angebrochene Medikamentenpackung setzten den Reigen der Auffäl­ligkeiten fort. Das Allerseltsamste fand Agathe aber am Boden. Vom Schreibtisch weg erstreckte sich dort ein dünner, etwa zehn Zentimeter breiter, blassrosa Streifen, den Agathe sofort als den abgerollten Papiervorrat einer Toilettenpa­pierrolle identifizierte. Sie griff sich das Ende und folgte dem Streifen, den sie im Gehen aufwickelte und der sie in den hinteren Teil des Büros führte und dort um die Ecke zu dem kleinen Gang, der an den Toilettenanlagen endete, die exklusiv den Direktoren vorbehalten waren, damit sie nicht  auf dem selben Örtchen wie ihre Untergebenen stuhlen oder ihr Wasser abschlagen mussten. Der Klopapier­streifen leitete Agathe zu einer der Kabinen, die offen stand und in der sie endlich den Direktor entdeckte, der mit heruntergelassener Hose auf dem Abort saß. Sein Kopf war nach vorne gesunken, seine Hände baumelten schlaff zwischen seinen Knien hinunter. Muffensauser war nicht bei Bewusstsein. Agathe, die sich keine Gedanken darüber machte, ob der Direktor tatsächlich ohnmächtig oder nur eingeschlafen war, handelte instinktiv. Sie drehte an dem kleinen Waschbecken das Wasser auf, hielt ihren Staubwedel unter den Strahl, hob Muffensausers Kopf an und wischte ihm mit dem nassen Putzutensil kräftig übers Gesicht. Zum Glück sprach der Direktor auf diese Behandlung an und kam prustend und ein wenig röchelnd zu sich. Als er Agathe Reisbesners ansichtig wurde, wurde ihm augen­blicklich klar, dass er mitten in der Nacht mit heruntergelassener Hose vor seiner Reinigungskraft auf der Toilette saß. Um die Peinlichkeit seiner Lage abzukürzen, bat er Agathe, dass sie draußen auf dem Gang auf ihn wartete. Er wolle sich nur rasch säubern und korrekt justieren, dann komme er gleich nach und werde ihr alles erklären. Agathe nickte und zog sich auf den Gang zurück. Wenige Minuten später folgte ihr Muffensauser, dessen hochroter Kopf ihr signalisierte, dass ihm das Vorgefallene immer noch äußerst peinlich war. Es sei ihm in höchstem Maße unangenehm, was geschehen sei, erklärte der Direktor Agathe, während sie sich zu seinem Schreibtisch zurückbegaben. Er hätte gerade mit einem Börsenmakler in Fernost telefonisch über die Übernahme eines Konkurrenzunternehmens ver­handelt, als dieser ihn unter Druck gesetzt hätte, in dem er ihm eine grellblinken­de Nachricht mit einem Ultimatum geschickt hätte, bis zu dessen Ende er, Muf­fensauser, den Kauf bestätigt haben musste. Andernfalls würde das Angebot ver­fallen. Darüber sei er, Muffensauser, so sehr in Panik geraten, dass er nach einem Mummopront gegriffen hätte, einem neuartigen Angstblocker, den sein Konzern entwickelt hätte, der aber noch in der Erprobungsphase sei und dessen Neben­wirkung, ein plötzlicher Stuhldrang, ihm sofort so heftig zugesetzt hätte, dass er die Notklopapierrolle aus seinen Schreibtisch gepackt und sie abgewickelt hätte und auf die Toilette hinausgestürzt sei, wo er das Bewusstsein verloren und wo sie, Agathe Reisbesner, ihn gefunden und gerettet hätte. Dafür sei er ihr natürlich zu großem Dank verpflichtet. Er wolle sich ihr gern mit einer Belohnung erkennt­lich zeigen. Schade sei bloß, setzte er hinzu, dass ihm die Übernahme des Kon­kurrenten durch die Lappen gegangen sei, weil das Ultimatum mittlerweile ab­gelaufen sei. Was sie getan hätte, sei selbstverständlich, entgegnete Agathe. Eine Belohnung sei nicht nötig. Im Übrigen hätte sie, bevor sie dem Klopapierstreifen gefolgt sei, eine Taste auf dem Laptop gedrückt, wodurch sie womöglich die An­nahme des Angebots bestätigt hätte. Höchst erfreut sah Muffensauser im Post­eingang seines E-Mail-Programms nach und fand dort tatsächlich eine Bestäti­gungsnachricht über den Kauf des fernöstlichen Konkurrenzunternehmens. Nun könne man gar nicht mehr von einer Belohnung sprechen, sagte Muffensauser zu Agathe. Da sie an diesem Tag seine Arbeit erledigt hätte, habe sie sich für diesen Tag auch sein Gehalt verdient. Er werde es ihr bis zum Morgen überweisen. Aga­the, die durch die Umstände mit ihren Tätigkeiten bereits in Rückstand geraten war, wehrte sich nicht länger und stimmte zu, damit sie die noch anstehenden Aufgaben endlich erledigen konnte. Sie griff zu ihrem Staubwedel und legte wieder los.

Als sie nach dem Ende ihrer Schicht am nächsten Morgen zu Hause ihren Konto­stand prüfte, stellte sie fest, dass sie für den Rest des Jahres nicht mehr arbeiten musste.

Michael, 25. Oktober 2019

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