Aller guten Tode sind drei

Mitten in der Nacht fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Ich hatte geträumt, dass mich jemand an den Fußsohlen gekitzelt hätte. Als ich die Augen aufschlug, stellte ich fest, dass tatsächlich jemand am Fußende meines Ehebettes saß. „Ich brauche mich nicht vorzustellen, oder?“, sagte der Fremde. „Nein“, antwortete ich und rieb mir die verquollenen Augen, ehe ich das Gerippe noch einmal anstarrte. „Du bist der Tod. Was willst du um diese Zeit?“ „Du kannst es dir denken“, entgegnete der Gevatter. „Ich will deine Seele. Ich werde sie mitnehmen. Jetzt gleich.“ Weil er nicht gerade leise sprach, erwachte endlich auch meine Frau. „Was ist los, Heinz?“, murmelte sie schlaftrunken. „Es ist nur der Tod, Marlies“, beruhigte ich sie. „Er will bloß meine Seele.“ „Dann gib sie ihm doch“, grummelte meine Frau. „Und dann leg dich wieder hin und gib Ruhe. Ich will schlafen. Ich muss morgen früh heraus.“ Sie drehte sich auf die andere Seite und zog sich die Decke über den Kopf. Seufzend setzte ich mich an die Bettkante, schlüpfte in meine Pantoffeln und stand auf. Ich legte den Zeigefinger auf den Mund und bedeutete dem Tod, dass er mir folgen solle. Ich führte ihn in unser Bügelzimmer, das direkt neben dem Schlafzimmer lag. Ich bot ihm auf dem kleinen Sofa, das dort stand, Platz an. Er setzte sich. Ich stellte mich hinter das aufgeklappte Bügelbrett und sah ihn an. „Also gut“, sagte er dann, langsam ungeduldig werdend. „Bis hierhin habe ich mitgespielt, damit deine Frau weiterschlafen kann. Aber jetzt will ich endlich deine Seele. Rück sie heraus, ich habe nicht ewig Zeit! Ich habe noch eine lange Liste für diese Nacht!“ Betont langsam kratzte ich mich am Hinterkopf. „Ja, also“, begann ich. „Es ist so. Du kommst ungelegen. Ich brauche meine Seele noch. Ich muss morgen früh meine Steuererklärung machen. Das tut mir jedesmal in der Seele weh. Wie aber soll ich die Erkärung ordentlich machen, wenn mir nichts mehr wehtut?“ Jetzt war es am Gevatter, sich nachdenklich auf der kahlen Schä­delplatte zu kratzen. „Da ist etwas dran“, räumte er ein. „Aber ich kann es nicht allein entscheiden. Ich muss nachfragen. Warte hier, ich bin gleich zurück.“ Er belegte mich mit einer Art Lähmung und ließ mich zusätzlich im Stehen in einen leichten Dämmerschlaf fallen. Als ich mein volles Bewusstsein wiedererlangte, saßen zwei Skelette auf meinem Sofa. „Ich bin der Obertod“, stellte der zweite Gevatter sich vor. „Es geht also um deine Steuererklärung. Ein ernstes Thema.“ Ich nickte. „Ich habe es dem Kollegen Untergevatter schon erklärt“, sagte ich, „dass ich für die Erstellung der Steuererklärung meine Seele brauche, als Korrek­tiv in Richtung Ehrlichkeit. Wenn ich die Formulare wahrheitsgemäß ausfülle, tut es mir in der Seele weh. Das ist wichtig.“ „Wir kennen dieses Problem aus eigener Erfahrung“, gestand der Obergevatter. „Auch wir Sensenmänner müssen Steuer­erklärungen ausfüllen. Wir sind immer froh, wenn wir dabei gerade eine Seele zur Hand haben, die unser Schmerzempfinden steuert. Es muss für uns aber nicht zwangsläufig die eigene sein.“ „Dann darf ich meine Seele also noch eine Weile behalten?“, fragte ich voller Hoffnung nach und stützte mich mit beiden Unterarmen auf das Bügelbrett. „So einfach ist es leider nicht“, sagte der Ober­tod. „Der Wille der Sterblichen zählt in solchen Angelegenheiten wenig. Wir müs­sen im Handbuch nachsehen.“ Wie aus dem Nichts erschien ein altehrwürdiges, armdickes Nachschlagewerk auf seinem Schoß. Der Obertod blätterte ein wenig darin herum, um die richtige Stelle zu finden. „Ah, hier haben wir etwas Passen­des“, rief er nach einer Weile. Er begann zu lesen: „Bittet der Sterbliche, dessen Seele kassiert werden soll, aus triftigen Gründen um einen Aufschub der Seelen­mitnahme, ist seine Argumentation gewissenhaft zu prüfen und jedenfalls auf die Goldwaage zu legen. Jenseitsrechtsgültige Entscheidungen, eine irdische Seelen­besitzprolongation betreffend, sind von Gevatternseite ausnahmslos im Dreier­gremium zu treffen. Das heißt also …“ Ich unterbrach ihn und setzte seinen Satz eigenmächtig fort: „… dass wir eine Goldwaage benötigen und einen dritten Ge­vatter.“ Der Untertod, der bereits geraume Zeit geschwiegen hatte, stimmte mir sofort zu: „Exakt! Du wartest hier! Wie sind gleich zurück.“ Wie beim ersten Mal musste ich Lähmung und Dämmerschlaf über mich ergehen lassen. Als ich wie­der voll da war, saßen drei Skelette auf dem Sofa, auf dem es langsam eng wurde. Der Neue stellte sich mir als Übertod vor. Er erhob sich und trat an mein Bügel­brett heran, auf dem er die mitgebrachte Goldwaage abstellte. Untertod und Obertod nahmen in der Zwischenzeit ihre Brustbeine aus ihren jeweiligen Gerip­pen heraus und ritzten mit der Spitze einer Sense den Sachverhalt, mein Seelen­besitzprolongationsansuchen betreffend, knirschend und quietschend in die Kno­chen ein. Gerade, als sie die Gebeine auf die Waage legen wollten, ging die Tür auf und Marlies, meine Frau, schoss wie eine Furie ins Bügelzimmer. „Was wird hier gespielt, Heinz?“, schrie sie. „Was ist das für ein Lärm? Ich habe dir doch ge­sagt, dass du mich schlafen lassen sollst. Und was treibst du mitten in der Nacht mit drei Skeletten an unserem Bügelbrett?“ Der Übertod wollte zu einer Erklä­rung ansetzen, aber Marlies war schon dermaßen außer sich, dass es zu spät war. Sie griff nach dem Reisbesen, der bei den Putzutensilien in der Ecke stand, und begann, wild damit herumzufuchteln. „Soll ich euch etwas sagen?“ rief sie. „Ich will es gar nicht wissen! Hinaus mit euch! Auf der Stelle! Alle!“ Sie schlug mit dem Besen abwechselnd nach den drei Gevattern und mir und scheuchte uns hi­naus auf den Flur. Dort trieb sie uns so sehr in die Enge, dass mir nichts anderes übrig blieb, als die Haustür aufzuschließen und in die eiskalte Wintermorgen­dämmerung hinauszulaufen. Ich verlor meine Pantoffeln. Die drei Gevattern blieben mir dicht auf den Fersen. Marlies griff nach meiner Aktentasche, die an einem Haken an der Garderobe hing, und schleuderte sie mir an den Kopf, sodass ich zu Boden ging. Dann zog sie von innen die Tür zu. Ich hörte, wie sie den Schlüssel zweimal im Schloss he­rumdrehte. Mit Mühe kam ich wieder auf die Beine. Ich fror erbärmlich und hämmerte verzeifelt gegen die Tür. „Das kannst du doch nicht machen, Marlies! Du kannst mich doch nicht im Pyjama barfuß im Morgengrauen in dieser Eises­kälte vor die Tür setzen! Ich hole mir doch den Tod!“ „Den hast du doch schon“, schrie Marlies durch den Briefschlitz. „Sogar in dreifacher Ausführung!“ Es war nichts zu machen. Meine Frau, die sich offensichtlich wieder ins Bett gelegt hatte, antwortete nicht mehr. Ich nahm meine Aktentasche und klappte sie auf. Als ich sah, was drinnen war, hatte ich plötzlich eine Idee. „Wir müssen das Beste aus unserer Situation machen, meine Herren!“, sagte ich zu den drei völlig verdatter­ten Gevattern. „Folgt mir!“ Ich führte sie in das nahelegene Cafe Galgenvogel, das um diese Zeit schon geöffnet hatte und in dem man mich so gut kannte, dass ich meine Zeche anschreiben lassen konnte. In einer diskreten Ecke hinter einem üp­pig wuchernden Gummibaum nahmen wir an einem Vierertisch Platz. Dann zog ich Kontoauszüge und Belege aus meiner Aktentasche. Ich bestellte eine Runde Bloody Marys. Die Gevattern ließen mir meine Seele und halfen mir tatkräftig bei der Erstellung meiner Steuererklärung. Wir waren ehrlich bis auf die Knochen. Die Angaben, die ich zu Papier brachte, taten uns allen in der Seele weh. Als der erste Sonnenstrahl zwischen den Blättern des Gummibaums hereindrang, versetzten mich die drei Gerippe wieder in den mir bereits bekannten Lähmungs- und Dämmerzustand und verschwanden. Erst am frühen Nachmittag kehrte ich nach Hause zurück. Marlies, die sich in der Zwischenzeit beruhigt hatte, ließ mich wieder ins Haus.

Wenige Wochen später erhielt ich per Post meinen Steuerbescheid. Er enthielt die Ankündigung der größten Rückzahlung, die ich in meinem langen Steuerzah­lerleben jemals erhalten habe. In der Begründung stand: „Ihre Angaben sind von solcher Ehrlichkeit, dass das ganze Finanzamt weinen musste.“

Michael, 1. November 2019

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