Der Ausbruch

Knackinger, der in der überbelegten Strafanstalt Büßbach im sogenannten Außentrakt untergebracht war, der an einer stark befahrenen Straße lag, hatte das lange Warten in der Untersuchungshaft gründlich satt. Er fragte sich, warum er nicht endlich angeklagt wurde. Es seien weitere Ermittlungen nötig, hieß es, wer das Freudenhaus im Lusterwald zuerst geplündert und verwüstet und danach in Brand gesteckt hätte. Er, Knackinger, hatte zugegeben, dass er zu der fragli­chen Zeit dort gewesen wäre, mit dem Brand hätte er aber nichts zu tun, und dass er der zaundürren Zora das Nasenbein gebrochen hatte, hatte er doch gleich gestanden. Ihre Liebesdienste waren nach Knackingers Dafürhalten so lausig und unbefriedigend gewesen, dass er ihr den zuvor vereinbarten Lohn dafür verwei­gert und ihr einen Faustschlag ins Gesicht versetzt hatte, nachdem sie mehrere metallene Vibratoren nach ihm geworfen hatte, um ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen. Dass die zaundürre Zora, die er nicht zum ersten Mal frequentiert hatte, nun im Krankenhaus lag, betrachtete Knackinger nicht als seine Schuld. Hätte sie ihn intensiver geliebt für sein gutes Geld, wäre das alles nicht passiert. Knackinger blickte in der einsetzenden Abenddämmerung durch das vergitterte Fenster seiner Einzelzelle hinaus auf die Straße und sehnte sich nach der Freiheit. Plötzlich wurde er von einem Lichtstrahl, der von draußen kam, kurz geblendet. Da das Fenster nach Osten zeigte, konnte es sich nicht um einen Sonnenstrahl handeln. Als Kackinger die Straße draußen nach dem Verur­sacher absuchte, wurde er abermals geblendet und dann noch einmal, und wei­tere Male, manchmal kurz, dann ein wenig länger, in einer sich wiederholenden Reihenfolge. Es dauerte eine Weile, bis Knackinger begriff, dass es sich um Mor­sezeichen handelte und dass ihm jemand einen Botschaft sendete. Er wartete auf den Beginn der nächsten Sequenz und las dann die Wörter Nacht und Drohne aus den Blinksignalen heraus. Knackinger steckte eine Hand durch die Gitterstä­be und drehte seinen Daumen nach oben, woraufhin weitere Signale ausblieben. Unten auf der Straße entdeckte er endlich eine mit einer Sturmhaube vermummte, massige Gestalt in einem bodenlangen Wintermantel, die einen Laserpointer in der Hand hielt. Es konnte sich nur um seinem Kumpan Gsindlin­ger handeln, der zur selben Zeit wie er auch in dem besagten Freudenhaus gewe­sen war. Knackinger hoffte, dass er ihm mit Hilfe der erwähnten Drohne in der Nacht ein Werkzeug zur Flucht ans Fenster lieferte. Nach dem Einschluss am späten Abend beobachtete Knackinger wieder das Fenster. Nur wenig später entdeckte er draußen im Licht der nächtlichen Straßenbeleuchtung ein beinah lautlos heranfliegendes Objekt. Es musste die angekündigte Drohne sein. Kna­ckingers Vermutung bestätigte sich. Das ferngesteuerte Flugobjekt wurde von unten geschickt unmittelbar ans Fenster heranmanövriert. Knackinger entdeckte, dass unten an der Drohne ein elektrisches Werkzeug befestigt war, das sich als akkubetriebener Winkelschleifer entpuppte. Er steckte beide Hände durch die Gitterstäbe und löste sein Fluchthilfsmittel von der Drohne und zog es zu sich ins Innere der Zelle. Eine Flex, jubilierte Knackinger innerlich, war genau das Richti­ge, um ihm zur Freiheit zu verhelfen. Auf Gsindlinger war wirklich Verlass. Knackinger wusste, dass ihm wegen der Geräusche, die die Flex verursachen würde, wahrscheinlich nicht viel Zeit blieb, um die Stäbe durchzuschneiden und danach durchs Fenster zu flüchten. Deshalb bereitete er alles vor. Er zerriss das Bettlaken in mehrere Streifen, die er mit den Handtüchern zu einem Strang verknotete, mit dem er sich bis zur Straße hinunter abseilen konnte. Das Ende befestigte er unten an einem der Gitterstäbe. Dann nahm er die Flex in Betrieb und trennte die Stäbe mit drei schnellen Schnitten oben und weiteren unten knapp oberhalb der Verankerung im Mauerwerk heraus. Es ging ganz leicht. Die verursachten Geräusche wurden zudem unverhofft vom Lärm der unten gerade vorüberbrausenden Straßenbahnen weitgehend überlagert. Knackinger zwängte sich durchs Fenster ins Freie und kletterte an dem vorbereiteten Strang, der im­mer noch fest an einem Rest des Gitterstabes hing, hinunter auf die Straße. Er wurde bereits von der massigen, vermummten Gestalt erwartet. Gerade als Kna­ckinger sich bei seinem Kumpel Gsindlinger für die wertvolle Hilfe bedanken wollte, riss die Gestalt sich die Sturmhaube vom Kopf und zog den Mantel aus­einander. Darunter trug sie einen weiteren schweren Mantel, der weitaus mehr Volumen vortäuschte als der gertenschlanke Körper tatsächlich aufwies. Zu sei­nem Entsetzen stellte Knackinger fest, dass es sich nicht um Gsindliner handelte, sondern um die zaundürre Zora, deren Nase immer noch dick einbandagiert war. Sie nutzte das Überraschungsmoment und trat Knackinger mit dem Absatz ihres hochhackigen Schuhes zuerst wohldosiert ins Gemächt und, nachdem er zu Bo­den gegangen war, auch noch zweimal hart ins Gesicht. Schließlich trieb sie ihn mit einem Pfefferspray so sehr in die Enge, dass Knackinger sein selbst fabrizier­tes Fluchtseil wieder nach oben kletterte, um weiteren Rachegelüsten der zaun­dürren Zora zu entkommen. Er zwängte sich wieder in seine Zelle und trommelte halb wahnsinnig vor Schmerzen an deren Tür, bis endlich der Aufseher kam, um nach dem Rechten zu sehen. Knackinger wurde dem eilig herbeigerufenen An­staltsarzt vorgeführt, der bei ihm einen doppelten Nasenbeinbruch diagnosti­zierte. Als Knackinger sich am folgenden Morgen weigerte, zu erklären, wie die Flex in seinen Besitz gelangt und was genau unten auf der Straße geschehen war, wurde seine Untersuchungshaft auf unbestimmte Zeit verlängert.

Michael, 09. November 2019

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