Blutgericht

Der erfahrene Berufsvampir Saugfried, der, wenn man von zwei völlig leeren Zombies absah, auf seinem aktuellen Streifzug keinerlei Beute gemacht hatte, litt bereits unmittelbar nach dem Ende der Geisterstunde großen Hunger und Durst. Er trieb sich mit trockener Kehle und knurrendem Magen noch eine Weile auf dem unbeleuchteten Hinterhof der Blutspendezentrale herum, wodurch sich sein Zustand aber nicht im Mindesten besserte. Seufzend schwebte Saugfried schließlich übers Friedhofsgelände zu Eckzahners Blunzenstube hinüber, der ein­zigen Gaststätte, in der seinesgleichen um diese Uhrzeit noch etwas Vernünftiges zwischen die Fänge bekam. Allerdings hatte die Sache den Haken, dass Eck­zahner alles andere als preiswert war. Saugfried, der keinen Anspruch auf staat­liche Transfusionen hatte, musste zusehen, wie er mit dem Blutzoll, den er selbst erwirtschaftete, das Auslangen fand. Es war bereits das dritte Mal in dieser Wo­che, dass er bei der nächtlichen Jagd leer ausgegangen war. Langsam wurde das Blutgeld knapp. Als Saugfried schon auf die Falltür von Eckzahners Blunzenstube zusteuerte, entdeckte er plötzlich, dass nebenan eine neue Gaststätte aufgemacht hatte. McBeißhals prangte da in unübersehbaren blutroten Lettern auf einem Schild und darunter stand etwas kleiner I’m suckin it. Saugfried, dem auf Anhieb gefiel, was er sah, vermutete, dass es sich um eines dieser neuartigen Schnellbiss­restaurants handelte. Er wandte sich von der Blunzenstube ab und betrat das McBeißhals. Drinnen sah es aus wie im Foyer eines Kinos. Bei einer Mitarbeite­rin, die weiß war wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz, bestellte Saugfried am Schalter ein Menü. Er wählte den McBite, einen Leukozytensalat mit Rhesusdressing, Venensticks und eine große Bloody Mary. Erfreut stellte er fest, dass seine Mahlzeit weitaus günstiger war als in der Blunzenstube. Er nahm sein Tablett, suchte sich einen freien Tisch und begann zu essen. Mit großer Enttäuschung konstatierte er, dass alles fad und beinah gleich schmeckte, haupt­sächlich nach billigem künstlichem Eisen. Weil Saugfried aber so hungrig und durstig war, aß er zähneknirschend alles auf und saugte den Becher mit der Bloody Mary bis auf den letzten Tropfen leer. Als er enttäuscht das Tablett in den Wagen zurückstellte, entdeckte er noch einen Gutschein für einen kostenlosen Nachtisch. Er begab sich noch einmal zum Schalter und löste ihn bei der bildhüb­schen Mitarbeiterin ein. Sie reichte ihm eine heiße Blutplättchentasche, die sich Saugfried gleich vor ihren Augen zwischen die Fangzähne stopfte. Wie es ihm ge­schmeckt habe, fragte ihn die Mitarbeiterin, als er zu Ende geschlungen hatte. Wie alles andere, erwiderte Saugfried, ein wenig fad und schal. Als er den trau­rigen Blick der jungen Frau bemerkte, beugte er sich über den Tresen und raunte ihr ins Ohr, dass er sie hingegen zum Anbeißen fände. Der Geschäftsführer, den die Mitarbeiterin daraufhin rief, erschien in Begleitung seines Bluthundes, den er auf Saugfried hetzte, der nun nur noch nach Hause wollte. Weil sich später, als er sich endlich hingelegt hatte, von den Blähungen, die ihn plagten, dauernd der Sargdeckel hob, schlief er erst ein, als die Sonne bereits vollständig über den Horizont gestiegen war. Er träumte den ganzen Tag von der bekömmlichen Blut­mannskost der Blunzenstube.

Michael, 30. November 2019

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