Die Weihnachtsfeier

Feiern. Mit allen. Losstarten. Zwei Monate war alles vorbereitet worden. Nun begann sie endlich, die Weinachtsfeier. Von 1.300 Mitarbeitern waren sicher mehr als 900 gekommen. So lange gewartet auf den Höhepunkt des Jahres. Um 19.00 wurde der Einlass geöffnet. In vielen Bussen zerrten sie die Belegschaft zur Feierstätte. Wenige nutzten das eigene Fahrzeug, schließlich sollte doch gefeiert werden. Damit das Ganze auch etwas mit Weihnachten zu tun hatte, hatten eifrige Helfer sicher mehr als zehn Kerzen aufgestellt, die von einem LED-Flackern erhellt wurden. Abgerundet hatten die Organisatoren die Dekoration mit genau zwölf Tannenzweigen, die auf die beiden Stockwerke verteilt wurden, und an die zwölf vergangenen Monate erinnern sollten. Dieser Geniestreich war der Assistentin des Geschäftsführers in letzter Minute eingefallen. Bereits um 19.30 Uhr gab es die ersten alkoholbedingten Schwankungen zu beobachten, da einige bereits vor der Weihnachtsfeier für etwas mehr eigene Entspanntheit gesorgt hatten und die Dosierung bzw. deren Wirkung falsch eingeschätzt hatten. Selbst der Geschäftsführer, dessen Rede um 21.00 Uhr anberaumt war, wirkte ab 19.45 bedenklich auf den Beinen, versuchte aber bestmöglich zu kaschieren (darin war er wirklich Profi). Um 20.00 Uhr begann die Band zum Anlass passende Lieder zu spielen, also Texte, die ankündigten, dass die Party gleich abgehen werden und das jemand anscheinend an Atembeschwerden in der Nacht aufgrund des Spürens von Liebe litt, dabei aber schwindelfrei, unzertrennlich und unsterblich blieb. Die Gäste grölten um 21.05, als der Geschäftsführer die Bühne betrat und applaudierten so gut ihre beiden Hände eben noch aufeinander trafen. Der Geschäftsführer sonnte sich auf der Bühne und genoss das Grölen und Applaudieren zwei Minuten lang. Dann kam das übliche Geschwätz von schwierigem Jahr, bestens gemeistert und positiven Zukunftsaussichten, wenn alle wieder voll anpacken würden. Um 21.20 war die Rede zu Ende, die Band kehrte zurück und der Geschäftsführer widmete sich mit seinen Kollegen aus dem Management auf dem Ehrentisch weiteren alkoholischen Getränken und einer Mitarbeiterin aus der Buchhaltung, was auch noch am Montag für Gesprächsstoff sorgen würde. Das Security-Team musste ab 21.45 die ersten Alkoholleichen entfernen, wobei eine Frau besonders auffiel, die die Treppen aus dem Keller, wo sich die Toiletten befanden, nicht mehr hochschaffte und aufgrund eines Missgeschicks war auch ihr Kleid verloren gegangen. Ab MItternacht forderte die Security Verstärkung durch den Rettungsdienst an und teilte die Heimfahrenden auf, jene die den Bus be- und vermutlich auch entsteigen konnten und jene, bei denen ärztliche Hilfe angeraten war. Als um 02.30, der Tanzboden brechend voll war, wagte sich auch der Geschäftsführer mit der Buchhalterin auf die Tanzfläche. Unbeholfen, aber flotten Schrittes hinterließen sie eine Spur der Verwüstung, was aber für noch heitere Stimmung sorgte.

Um 04.00 Uhr wachte er auf, ging zum Wohnzimmertisch und zündete bedächtig die erste Kerze des Adventkranzes an. Die Kerze erhellte die unmittelbare Umgebung und die von der Kerze ausgehende Wärme konnte er spüren. Im Raum Stille, nur sein eigener Atem wahrnehmbar. Bedächtig sah er auf den Adventkranz, glücklich und zufrieden, selbst eine leichte Melancholie störte ihn nicht. Diesmal war er nicht auf die Weihnachtsfeier gegangen, verzichtete und wurde trotzdem so reichlich beschenkt. Natürlich würde Montag berichtet werden, was er nicht alles versäumt hätte. Um 04.20 Uhr war ihm klar, dass er noch im Advent seine Kündigung abgeben und endlich wirklich ankommen würde. Advent. Stille. Bei sich.

Harald, 30. November 2019

Ein Kommentar zu „Die Weihnachtsfeier

  1. Guten Morgen!

    Eben tauchte euer Blog in unseren Leseempfehlungen auf – wahrscheinlich, weil sich bei Herrn Carax und mir der Großteil des Lebens und Seins (ebenfalls) in der Nacht abspielt. 🤔

    Nachdem ich jetzt: „Die Weihnachtsfeier“, „Unser aller Bier“ und: „Aller guten Tode sind drei“ durchgelesen und ein wenig weitergestöbert habe, denke ich immer noch: „WAS ZUR HÖLLE?!“, aber das Gefühl dahinter gefällt mir- 😉

    Daher bin ich euch einfach mal gefolgt – und gespannt darauf, was als Nächstes kommt.

    VVN 😊

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