Nachttreiben

Es ist gerade 22.00 Uhr geworden. Er hörte lautes Kuhglockengeläut, das immer näher zu seinem Haus zu kommen schien. Er lebte schon lange in diesem seltsamen Ort und trotzdem kannte er kaum jemanden. Eine Dorfgemeinschaft, die sich ihm nie erschloss. Ja, sie waren großteils freundlich und grüßten ihn, aber wirklich interessiert hatte sich keiner. Er, der zugezogen war, vermutlich sogar irgendwann im Gefängnis war, so ein Gerücht. Es stimmte tatsächlich, aber er war nie stolz darauf gewesen, einfach die falschen Prioritäten gesetzt. Nach den Geräuschen, die er draußen hören konnte, musste es sich wohl um einen größeren Aufmarsch handeln. Bald hatte er den Eindruck das halbe Dorf würde auf sein Haus zumarschieren. Jetzt – so sein Gedanke – hatten sie sich wohl zusammengerottet, das vereinigte Kleinbürgertum am Land, jetzt wollten sie ihn wohl endgültig loswerden, den Verbrecher, zumindest aus der Gruppe entfernen. Die Gruppe, die sich Dorf nannte, auf die könnte er doch schon lange verzichten. Sein Denken verfinsterte sich zusehends. Er konnte sie bereits hören, wie sie die Einfahrt hochgingen. Krampusse, kaum mehr zu zählen, dahinter eine Menschenmenge, wie es in diesem Dorf Usus war zu dieser Zeit. Die Zeit, in der auch das Böse seinen Platz findet und die Oberhand zu haben scheint. Er spürte keine Furcht, dazu hatte er viel zu viel erlebt. Eigentlich wollte er seine Ruhe, aber er sah ein, dass das im Dorf, am Land nicht möglich sein würde. Nie waren sie in den vergangenen Jahren gekommen, aber dieses Jahr standen sie vor seiner Tür, läuteten. Beim Außenseiter, Gestrandeten, Alleingänger und schrägem Vogel. Er öffnete die Tür selbstbewußt und sah die Horde von Krampussen, gruselige Fratzen. Er stand an der Tür und sah das Toben, sie schrieen, erhoben ihre Ruten, rasselten, hinter ihnen war gar ein Höllenfeuer zu sehen. Er rechnete nun mit dem Angriff. Heute würde das Dorf mit ihm abrechnen. Plötzlich hörte er eine Stimme inmitten dieser zusammengerotteten Bande. Ein älterer Mann meldete sich zu Wort und die Krampusse hielten inne. Es war ruhig, selbst die Menschen dahinter konnte er nicht hören. Langsam schritt jener, der für Ruhe gesorgt hatte, nach vorne. Es war der Nikolaus. Mit vielem hatte er gerechnet, aber doch nicht mit dem Nikolaus. Sein Gesicht war nun doch etwas verdattert. Der Nikolaus begrüßte ihn und schlug sein goldenes Buch auf. Er begann zu lesen. „Mein lieber Kollege“, begann er einzuleiten. Wieso den Kollege, fragte er sich. Der Nikolaus führte fort: „Heute ist der Tag, an dem die Dorfgemeinschaft Danke sagt, Danke für alles, was du getan hast. Der Nikolaus sieht auch das Verborgene, das Seltene, das Herzliche, das Karitative.“. Der Nikolaus übergab ihm einen Geschenkkorb mit einer Grußkarte, die alle vom Bürgermeister bis zum Pfarrer, vom Unternehmer bis zur Hausfrau, unterschrieben hatten. Der Nikolaus bat um Eintritt, was er ihm auch gewährte, und segnete das Haus. Der Hausherr konnte seine Tränen dabei nicht zurückhalten. Als beide wieder vor die Haustür gingen, sangen alle ein bekanntes Kinderlied für den Nikolaus. Er bedankte sich leise und die Dorfgemeinschaft beendete den Besuch mit einem langen Applaus. Jetzt hatte er doch zittrige Knie, als er zurück in sein Haus ging. Er konnte sich das Ganze zuerst nicht ganz erklären. Zwei Tage später war ihm alles klar. In diesen zwei Tagen hatte sich für ihn das Dorf verändert, viele fragten, wie es ihm gehen würde und ob er nicht mal auf einen Kaffee zu Besuch kommen wollte. Er hatte die Zeitung vor einer Woche entdeckt. Dort war von einem Tresor voller Goldbarren in Tirol berichtet worden, der einer Partei gehören sollte. Der Redakteur der Zeitung hatte seine Recherchen akribisch vorgenommen und konnte herausfinden, das vor fünfzehn Jahren der Goldbestand dieser Partei weit höher war und durch einen Einbruch massiv reduziert wurde. Der Einbrecher konnte gefasst werden, das Gold war verschwunden und der Verurteilte verlor darüber kein Wort. Die Zeitung berichtete weiter, dass der Verurteilte wegen guter Führung nach fünf Jahren das Gefängnis verlassen konnte und nun seit fast zehn Jahren in einem kleinen Dorf in der Nähe von Innsbruck leben würde. In diesem Dorf passierte seit acht Jahren etwas Erstaunliches. Immer wenn im Dorf jemand Not hatte, lag innerhalb von kurzer Zeit über Nacht dort ein Goldbarren vor der Tür, dessen Wert die 10.000 Euro – Grenze überschritt. Keiner hatte im Dorf dafür eine Erklärung, bis diese Zeitung vor einer Woche erschien…

Harald, 7. Dezember 2019

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