Marlene

Wie an jedem Abend mache ich einen kleinen Spaziergang unten am Sportplatz in Eching. Den Meinen sage ich, es sei wegen der körperlichen Ertüchtigung. Ich brauchte abends immer ein wenig Bewegung, sage ich, sie täte meinen alternden Gelenken gut. In Wahrheit gehe ich aber nur wegen Marlene. In der Abenddäm­merung biege ich an der Ecke des Sportplatzes von dessen Längsseite ab und spaziere an der Breitseite entlang, an deren Ende der ehemalige Recyclinghof liegt, der jetzt nicht mehr genutzt wird. Ich hoffe, dass Marlene da ist. Heute will ich endlich meinen Mut zusammennehmen und sie ansprechen. Ich bin voller Vorfreude. Durch den Maschendrahtzaum spähe ich aufs Innere des Geländes und entdecke Marlene an der gewohnten Stelle. Sie lehnt mit dem Rücken an einem Geräteschuppen und lächelt mich an, schweigend wie immer. Im schwä­cher werdenden Licht der untergehenden Sonne richte ich schließlich das Wort an Marlene. „Ich bin froh, dass du da bist“, sage ich zu ihr. „Ich habe mich schon den ganzen Tag nach dir gesehnt.“ Sie lächelt und schweigt weiter. Mit ihren schönen Augen blickt sie mich an und ermuntert mich, weiterzusprechen. „Ich weiß, dass du stets an deinem Platz bist“, sage ich. „Am Tage und, wie ich ver­mute, auch in der Nacht. Ich sorge mich um dich, wenn du allein im Freien aus­harrst und die Stellung hältst. Versteh mich bitte nicht falsch. Ich würde gern hier draußen mit dir die Nacht verbringen und dich beschützen vor allem, was dir übel will. Allein ich kann es nicht. Uns trennt ein hoher Altersunterschied, denn du bist jung und ich bin alt. Das würde niemals gutgehen.“ Weil die Sonne mittlerweile vollständig untergegangen ist, schalte ich meine Taschenlampe ein und richte deren Strahl auf Marlene, damit ich sie nicht aus den Augen verliere. Und endlich antwortet Marlene, nicht mit ihrem Mund und ihrer Stimme, wie ich es vielleicht erwartet hätte. Ich kann ihre Worte aber in meinem Kopf und mit meinem Herzen hören. „Mein Platz ist immer draußen“, sagt Marlene. „Bei denen, die mir ihr Vertrauen schenken. Ich habe mich für sie schon blau gefro­ren und ihnen das Blaue vom Himmel versprochen.“ „Du bist so tüchtig, Mar­lene!“, rufe ich. „Ich bin mir sicher, dass dir untertags nichts zustößt. Jetzt aber fürchte ich um dich, wenn es so dunkel ist. Wie willst du dich denn wehren gegen all die bösen, verschieden angemalten Buben, die dich an ihre Seite locken wollen?“ „Die blauen Buben“, sagt Marlene, „habe ich zu jeder Zeit im Griff. Sie haben mich zu ihrer Anführerin gewählt und fressen mir aus meiner Hand.“ „Was aber tust du“, rufe ich besorgt, „wenn in der Nacht die schwarzen Buben kommen?“ „Es gibt doch“, lacht Marlene in meinem Kopf, „keine schwarzen Buben mehr, mein treuer alter Freund. Die schwarzen Buben sind nun allesamt türkis. Und die türkisen Buben sind sich selbst genug und stellen ihresgleichen nach, nicht mir, sei unbesorgt! Und grüne Buben gibt es kaum, auch rote nicht, nur Mädchen, die mir nicht gefährlich werden.“ „Dann bist du also hier draußen auf deinem Platz auf dem Recyclinghof auch in der Nacht vor allen bösen Buben sicher?“, frage ich. „So ist es“, antwortet Marlene, „Es ist schon spät, besorgter Freund. Es fängt zu regnen an. Du kannst dich jetzt beruhigt zu Hause schlafen legen.“ Sie hat recht. Auch ich spüre schon die ersten dicken Tropfen auf meiner Haut. Ich werfe Marlene sehnsüchtig noch eine Kusshand zu, wünsche ihr eine gute Nacht und schalte meine Taschenlampe aus. Dann mache ich mich in der Dunkelheit im mittlerweile strömenden Regen auf den Heimweg. Die ganze Nacht liege ich in meinem Bett und kann nicht schlafen. Draußen prasseln die Niederschläge mit nicht nachlassender Intensität weiter. Ich denke immerzu an Marlene. Im Morgengrauen halte ich es schließlich nicht mehr länger aus. Ich kleide mich an und sage meinen Lieben, dass ich diesmal auch am Morgen körperliche Ertüchtigung nötig hätte. Ich schlüpfe in meine Gummistiefel und meinen Regenmantel und renne durch den immer noch heftigen Regen hinunter um den Sportplatz zum alten Recyclinghof zu Marlene. Ich blicke durch den Maschendrahtzaun und kann es nicht glauben. Marlene ist verschwunden. Am Geräteschuppen, von wo sie mich noch wenige Stunden zuvor abgelächelt hat, sehe ich nur das blanke Holz. Da bemerke ich plötzlich, wie an dem Schuppen von innen die Tür aufgestoßen wird und ein Mitabeiter des Recyclinghofs in sei­ner Arbeitmontur heraustritt ins Freie. „Wo ist Marlene?“, rufe ich ihm verzwei­felt zu. „Was habt ihr mit ihr gemacht?“ Der Mitarbeiter kommt mir ein paar Schritte entgegen. „Wen suchst du? Marlene?“, fragt er zweifelnd und schlägt sich im nächsten Augenblick mit dem Handballen gegen die Stirn. „Ach, du meinst das alte Wahlplakat mit der blauen Spitzenkandidatin? Das hat der Regen in der Nacht aufgeweicht und fortgeschwemmt.“ Für mich bricht eine Welt zusam­men. Ich kann nichts mehr sagen. Ich nicke stumm und mache kehrt. Während ich gebrochen heimwärts wandere, fügen meine müden blauen Augen den nach wie vor heftigen Niederschlägen weiteres Wasser hinzu.

Michael, 14. Dezember 2019

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