Straßenschlacht

Wieder wurde von den großen Demonstrationen in Paris berichtet. Er wusste bereits seit Jahren, dass sich viele Menschen diese Art von Politik nicht gefallen lassen würden. Aber ausgerechnet ihn hatte noch keiner gefragt, weder nach seiner Meinung noch nach Lösungen. Unverständlich eigentlich, müsste doch nur wer an seinem Reihenhaus läuten, er würde sich sofort hinter seiner Ofenbank hervortun, den Fernseher leiser drehen und stünde Rede und Antwort. Er schaute gerade zu später Stunde eine Nachrichtensendung des österreichischen Rundfunks, als ein post auf Facebook am Mobiltelefon seine Aufmerksamkeit erregte. Er konnte es – obwohl er es immer geahnt hatte – nicht fassen. Mitten in seinem Heimatort fand heute Nacht eine Straßenschlacht statt. Er war völlig außer sich. Er postete die Nachricht sofort weiter und ersuchte seine Community sich Verteidigungsmaßnahmen zu überlegen. Er war bereit, nicht umsonst hatte er sich ein ansehnliches Waffenarsenal angelegt. Die sollten nur kommen, er würde sein Hab und Gut nicht freiwillig aufgeben. Zuerst lud er zwei Glock-Pistolen und ein Jagdgewehr. Zufrieden legte er die Waffen auf den Küchentisch und spähte aus dem Fenster. Notfalls würde er durch die Scheibe hindurch schießen, kleine Kollateralschäden wären in Kauf zu nehmen, so sein Gedanke. „Kommt ruhig, blödes Gesindel“, schrie er – dank einer NLP-Ausbildung wirkungsvoll formuliert – bereits Richtung Straße, bei geschlossenem Fenster leider dort aber nicht zu hören. Er hörte schon die Schreie einer aufgebrachten Menge. Da eine Bewegung, großer Schrecken und ein Schuss.

In einem kleinen Lokal mitten in der Nahe gelegenen Stadt diskutierten mehrere Studentinnen und Studenten. „Nein, Gewalt ist abzulehnen, Gewalt, die im Kleinen anfängt, im Wort“, so eine der hübscheren Studentinnen. Viele nickten. Tradition wäre das eine, aber das geht doch alles viel zu weit. Schließlich würden doch kleine Kinder unfreiwillig Zeugen, wenn sie es auch nicht sehen würden, aber sie können es doch mit ihrem kleinen, zarten Trommelfell hören. Traumata würden die Folge sein, so die fast einhellige Meinung nach zwei Semestern Psychologie. „Feiglinge, die im Verborgenen ihre Macht- und Gewaltphantasien auslebten“, sprach ein Student mit großen Gesten, der ebenfalls großen Zuspruch erntete. Nach einer halben Stunde waren sie soweit, dass sie gar meinten, diese damit verbundenen Wörter gehören verboten, jeder der sie ausspricht bestraft. Nach einer Stunde befanden sie den Vorschlag für hervorragend, die Universitätsbibliothek nach Büchern abzusuchen, die dieses Brauchtum aufgriffen und diese zu vernichten, aus Schutz für ihre kleinen Seelen, als Schutz vor Meinung anderer.

In dem kleinen Ort fand das Event gerade seinen Höhepunkt. Der durch das zerbrochene Glas jetzt doch etwas Verdatterte sah draußen außer einer davonlaufenden Katze nichts. Er ging zu seinem Mobiltelefon und erkannte schnell, dass bei der Straßenschlacht die Menschen ein Fell trugen, da beschlich ihn ein leiser Verdacht, während in der Stadt im Lokal die Studentinnen und Studenten auf ihr Taxi warteten, bei dieser Art von Gewalt könnte wohl keiner zu Fuß nach Haus gehen.

Harald, 14. Dezember 2019

 

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