Thomasnacht

Es war in der Nacht von 20. auf 21. Dezember, die Thomasnacht genannt wird. Sie war nun schon längere Zeit allein, noch nicht wirklich alt, aber dass sie ihr Göttergatte mit einer siebzehn Jahre jüngeren Geliebten, die an der Uni Geschichte studierte, verlassen hatte, machte ihr klar, dass „jung sein“ jedenfalls der Vergangenheit angehörte. Als sie erfuhr, dass er nun auch noch Vater geworden ist und sich mit Windelwechseln, dreimal nächtens Aufstehen sowie weiteren mit einem Kleinkind verbundenen Freuden abplagte, fühlte sie sich gleich wieder etwas besser. Als sie noch verheiratet waren, wollten sie nie Kinder, bei ihr war es jetzt auch irgendwie zu spät und sie bereute es auch nicht im Geringsten. Ihr Hund, ein elfjähriger Basset, Überbleibsel von ihrem Mann, für den der Hund plötzlich wie er meinte völlig uncool wäre und außerdem seinen neuen Porsche 911er verschmutzen würde, schaute sie immer mit einem Blick an, dem sie nicht widerstehen konnte. So ging sie noch eine Runde nach draußen mit ihm und war kurz nach 22.00 Uhr wieder zurück im Haus, das ihr nun dank einer kompetenten Anwältin allein gehörte. Sie ging nach einer kurzen Lektüre schlafen und der Basset suchte mit dem Abdrehen des Lichts sein Körbchen auf, das sich vor dem Bett am Boden befand. Hugo, so war der Name des Bassets, schlief immer ruhig die ganze Nach und weckte sie pünktlich gegen sieben Uhr. Diesmal fing er nach nicht einmal einer Minute im Finsteren zu winseln und zu bellen an. Er ging zu ihrem Gesicht und stupste sie an. Sie konnte sich Hugos Verhalten nicht erklären, war er doch erst draußen. Es schien auch so, dass er etwas anderes wollte. Wieder stupste er an ihr Gesicht, um danach am Bein an ihrem Pyjama zu zerren. Sie drehte nun das Licht auf und er schaute sie mit seinem üblichen Blick an und drehte seine Augen Richtung Mobiltelefon. Da sie Hugo für relativ intelligent hielt, bei ihrem Ex-Mann war sie sich nicht ganz so sicher, schaute sie auf das Telefon. Als sie das Telefon in die Hand nahm, öffnete sie unbeabsichtigt den Kalender. Mit verschwommenen Augen las sie, dass heute die Thomasnacht war. Wage konnte sie sich noch an das von der Oma geschilderte Brauchtum erinnern. Sie begann die Thomasnacht in eine anonyme Suchmaschine einzugeben und konnte in Erfahrung bringen, dass es möglich sein würde, seinen Geliebten im Traum zu sehen. Das hörte sich doch gut an. Alles was zu tun wäre, könnte leicht bewerkstelligt werden. Es reichte, sich verkehrt ins Bett zu legen und schon würde im Traum der Geliebte erscheinen. Sie zog nun den Pyjama aus und schlüpfte in einen sexy roten Slip, der sie nun allein bekleidete. Schließlich sollte ein Geliebter auftauchen und kein Langweiler, dessen Haupttätigkeit Chips essen vor dem Fernseher wäre. Schließlich hatte sie ein solches Exemplar lange genug ertragen. Hugo war, als sie leicht bekleidet mit ihrem Kopf am Bettende lag, völlig ruhig und beide schliefen schnell ein. Als sie wie immer aufwachte, konnte sie sich interessanterweise in kleinsten Details an ihren Traum erinnern, was sie aber doch beunruhigte. Ihr neuer Geliebter war schlanker Natur, hatte längere Fingernägel und trug schwarz. So weit, so gut. Aber dass sein Gesicht rot war, seine Augen hervorstachen und er zu allem Überdruss auch noch Hörner am Kopf hatte, konnte doch wohl nicht wahr sein. Sie vergnügten sich im Traum zwar großartig und die Ausdauer dieses Mannes war außergewöhnlich, aber musste es von der Langweile ihres Ex-Mannes gleich in ein solches diabolisches Vergnügen übergehen? Irritiert trank sie beim Frühstück ihren Kaffee und konnte sich auf das Ganze keinen Reim machen. Konnte nicht mal etwas Normales in ihrem Leben passieren? Sie dachte nochmals an den Traum und ihr war klar, dass sie den Teufel nicht von der Bettkante stoßen würde.

Sie malte sich gerade aus, ob dann das ganze Haus nach Schwefel stinken würde und auch Duschen kaum helfen würde, als es an der Haustür klingelte. Als der 27-jährige Paketbote mit gepflegten, längeren Fingernägel mit einem Devil-T-Shirt vor ihr stand, war ihr klar, was zu tun war. Sie lud ihn zum Kaffee ein und so wurde der Traum in der Thomasnacht in den nächsten Wochen tatsächlich war.

Harald, 20. Dezember 2019

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