Weihnachtsengel

Der Advent neigt sich ganz langsam dem Ende zu. Lisa arbeitete bis zum Schluss sehr viel, schließlich konnte zumindest in der Buchhaltung keiner ahnen, ob das nächste Jahr wirklich noch kommen sollte. Ihre beruflichen Aufgaben empfand sie seit längerem als sinnentleert, nein, noch schlimmer: Qualvoll. Wenn Lisa früh morgens das Büro betrat, konnte das Gefühl der anderen nur ähnlich sein, die Gesichter eingefallen, aber ohne aufregende Nächte zuvor. Heute fuhr sie zu einem Einkaufspark, um noch schnell ein Geschenk für ihren Freund zu besorgen. Draußen war es um diese Uhrzeit schon dunkel, wie doch die kurzen Tage auf ihr Gemüt schlagen. Im Einkaufszentrum war der Teufel los, das konnte auch der überdimensionale Christbaum nicht kaschieren. Vielleicht hatte dieses blinkende Ungetüm auch tatsächlich der Teufel vorbeigebracht, wer weiß. Sie mühte sie durch die Menschenmassen, ging an den vielen Geschäften vorbei und entdeckte einen neuen Laden mit Schmuck. Sie liebte Schmuck und so schmökerte sie durch die einzelnen Schmuckstücke. Sie wollte fast schon wieder hinausgehen, als sie ein Engelspaar entdeckte. Zwei weibliche Figuren, die sich umarmten, die eine weiß, die andere schwarz. Fast schien es, als würden sie miteinander ringen, den ewigen Kampf aufs Neue ausfechten. Der Verkäufer kam zu ihr und meinte, dass es sich hier um etwas ganz Besonderes handeln würde. Dieses Engelspaar wäre nicht nur wunderschön zu betrachten, sondern helfe auch bei schwierigen Entscheidungen. Es müsse dazu nur neben das Bett gestellt werden und schon würde in der Nacht Klarheit entstehen. Das Engelspaar war also wunderschön und hätte auch noch Wirkung. Konsequenterweise hat sie es sofort gekauft. Auf unergründliche Weise war jetzt doch schon viel Zeit vergangen und eigentlich wollte sich doch das Geschenk für ihren Freund kaufen. Sie hastete in den nächsten Büchershop des Einkaufszentrums und kaufte zwei Bücher der Bestseller-Liste, deren Titel sie bereits vergaß, als die Verkäuferin diese in Geschenkpapier kunstvoll wickelte. Zuhause angekommen nahm sie im Wohnzimmer Platz und genoss die Ruhe. Ihr Freund würde erst morgen kommen, heute war noch seine Firmenweihnachtsfeier, die sie dort Jahresabschlussfeier nannten, schließlich dürfte doch keiner Anstoß an dem finden. Das Unternehmen buchte immer Hotelzimmer, an eine gefahrlose Heimfahrt war nach übermäßigen Alkoholkonsum nicht zu denken. Sie schaute nachdenklich das Engelspaar am Couchtisch an und trank Tee, den sie vom Verkäufer des Engelspaars noch als Draufgabe erhielt. Nachdem sie fast die ganze Tasse ausgetrunken und über vieles nachgedacht hatte, bemerkte sie plötzlich, dass vom Engelspaar ein Licht ausging. Aufgeregt hielt sie inne. Das Licht wurde größer und kräftiger. Sie erstarrte, als zwei lebensgroße Engel über der kleinen Figur standen. Schwarz und weiß sprachen sie gleichzeitig: „Lisa, fürchte Dich nicht.“. Das kam ihr merkwürdig bekannt vor, aber auf eine Schwangerschaft hatte sie jetzt sicher keine Lust. Die Engel fuhren fort: „Wir haben den Weg zu Dir gefunden und wollen Dir den rechten Weg zeigen.“. „Naja“, murmelte sie, „der rechte Weg hört sich nicht so spannend an.“. Als wäre ihr Leben nicht schon langweilig genug. Der schwarze Engel fuhr fort: „Lisa, du lebst deine dunkle Seite zu wenig aus. So lebst du nur zur Hälfte. Du funktionierst, so wie es alle anderen wollen. Aber wo bleibst du?“. Der weiße Engel nickte zustimmend. Da Lisa jetzt kein Wort mehr herausbrachte, erzählten die beiden Engel, wie sich Schatten und Licht zueinander verhielten. Die helle Seite ist grundsätzlich gut, aber im Extrem lebensfeindlich und belehrend. Die dunkle Seite, so die Engel, ist gar nicht so böse wie es scheint, sondern genussvoll, lustvoll, wenngleich im Extrem auch voller Obsessionen und Abhängigkeiten. Würden beide Seiten gelebt, so entsteht etwas Wunderbares, kein Perfektionismus, keine Arroganz, keine Habsucht, dafür Attraktivität, Respekt und Demut. „Lisa, mache was aus deinem Leben. Lebe, wie du es für richtig hältst. Du darfst und kannst es! Fange heute an und lebe wohl!“, meinten die Engel, bevor sie auf ähnliche Weise wieder verschwanden, wie sie gekommen waren. Während der weiße Engel beim Verschwinden quinquilierte, war beim schwarzen Engel ein deutliches Zischen zu hören. Schwanger war sie vermutlich auch nicht, trotzdem war die Verwunderung etwas größer. Sie überlegte und binnen Minuten war er alles klar. So packte sie ihre Sachen, wie sie doch die Wohnung ihres Freundes hasste, schreckliche Möbel zum Selberzusammenbauen, gemischt mit unmöglichen Farben und vor allem kein Rokoko, den sie so liebte. Als alles im Auto verstaut war, schrieb sie ihm noch eine kurze SMS, wortlos wollte sie auch nicht aus seinem Leben verschwinden. Anschließend schmetterte sie eine E-Mail an ihren Arbeitgeber hinaus, das sehr direkt klar machte, dass er mit ihr im neuen Jahr nicht mehr zu rechnen hätte und sie ab sofort auch nicht mehr zu erreichen wäre. In Gedanken sah sie schon die Buchhaltung aufgeregt lästern, was ihr noch mehr Freude bereitete. Am 24. Dezember besuchte sie ihre Mutter spontan, was ihr Freund doch keinesfalls wollte. Die Freude war groß, noch größer, als sie ihr Auto gleich ihrer Mutter schenkte. Sie würde es nicht mehr brauchen. Was sich noch im Auto befand könne sie gerne entsorgen. Am 25. Dezember brach sie mit einem Rucksack in ihr neues Leben auf. Sie buchte drei verschiedene Hotels, natürlich alle im Rokoko-Stil. Die ersten Nächte waren wild, sie eroberte die Nacht, die Bars, die wilden Kerle. So fühlte sich seit langem wieder lebendig. Ihren Ex-Freund hatte sie nach mehr als hundert Nachrichten auf die Blacklist ihres Mobiltelefons gesetzt und schon war er vergessen. Tagsüber schlief sie meist, um abends wieder loszuziehen. Noch während der Rauhnächte lernte sie einen Restaurateur für Rokoko-Möbel im Hotel kennen, zwar wohlfeile 17 Jahre älter als sie, dafür aber aufmerksam, liebevoll, phantasiereich und weder arm, noch geizig. Sie folgte seinem Rat und fing an zu schreiben. Als ihr erster Roman wie eine Bombe einschlug, sah sie eines Abends am Schreibtisch die beiden Engel deutlich zustimmend nicken. Weihnachten kam bald wieder und dieses Jahr wird alles anders sein. Sie ist jetzt im siebten Monat schwanger (doch nicht unübliche Nebenerscheinung bei Engelserscheinungen) und zu Weihnachten feiern seine und ihre Eltern in einem großen, verschneiten Chalet in den Bergen zusammen. Und in mancher Nacht werden sie wieder losziehen, um sich auch ihre dunklen Begierden zu widmen, hemmungslos und frei, hemmungslos und frei!

Harald, 28. Dezember 2019

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