Heunacht

Spät abends waren sie noch unterwegs. Weit und breit kein Licht mehr zu sehen, finstere Nacht, dafür Sterne und Schnee. Jeder Schritt wurde von einem Klirren begleitet, typisch für Eiseskälte. Die Luft war trotzdem angenehm, klar, spürbar lebendig. Lange waren sie gegangen und der Weg zurück noch weit. Das Luxus-Chalet mit allen Annehmlichkeiten nicht einmal in der Ferne erkennbar. Der Weg wurde schmaler, kam ihnen nicht bekannt vor, und der Schnee tiefer, das Klirren ging in ein knacksendes Geräusch über, mit jedem Schritt durchbrachen sie die gefrorene Schneedecke. Sie kamen kaum noch vorwärts. Eine romantische Wanderung, begonnen vor wenigen Stunden, endete hier in den Salzburger Bergen, vermutlich zwischen Hüttschlag und Kleinarl. Nicht einmal das Mobiltelefon hatten sie mitgenommen, sie wollten keine Störungen, nur für sich sein. Das waren sie nun, minus neun Grad. Sie schrieen laut, keine Antwort, außer ein leises Echo. Wer sollte auch hier sein, in einer Rauhnacht, am Beginn des Jahres? Als sie noch ein seltsames Geräusch hinter ihnen hörte, war ihnen auch die Lust am Schreien vergangen. Wer weiß in dieser Gegend schon, welche Gestalt darauf aufmerksam wird. Etwas Wind kam auf, unheimliches Pfeifen. Er versuchte sein Zittern zu verbergen, sie spürte es trotzdem. Zielstrebig ging er mit ihr weiter, die Nacht im Freien wäre wohl kaum zu überleben. Elissa ging ihm nach, einige Zeit verging, er roch gut, fast betörend. Merkwürdige Gedanken in einer eisigen Nacht. Ihr war plötzlich auch nicht mehr kalt. Seine Fussabdrücke im Schnee fingen an zu dampfen, es schien, dass rotes Licht von ihm ausging. Sie kamen nun schneller voran. Sie liefen durch den tiefen Schnee, berührten kaum mehr den Boden, als plötzlich direkt vor ihnen ein großer Heustadl auftauchte. Er öffnete die Tür mit einem deutlichen Knarren und Quietschen, drinnen war es überhaupt nicht mehr kalt. Er hatte einen animalischen Blick, sie konnte ihm nicht widerstehen. „Elissa, gehorche mir.“, sagte er bestimmend. Er kam ihr völlig fremd vor, sie konnte trotzdem nur „Ja.“ sagen. Ihr war heiß, sie zog sich aus. Er hauchte nach links, ein silberner Kerzenständer mit sieben Kerzen entzündete sich wie von selbst. Als er sich ihr ganz näherte, roch sie deutlich den Duft von Schwefel. Selbst das konnte sie nicht abhalten, im Gegenteil. Sie musste nun mit ihm zusammen sein, keine Alternative denkbar. Elissa vergaß alles um sich und widmete sich nur mehr ihm, ihm wollte sie gefallen, ihm las sie jeden Wunsch von den leuchtenden Augen ab. Er sprach mit tiefer Stimme, die in ihrem Körper weiter vibrierte. Nie zuvor ist sie so weit gegangen und hat es so genossen. Als er wieder von ihr abließ, fröstelte ihr, sie vergrub sich im Heu, ganz tief.

Die Suchtrupps waren in der Nacht nicht mehr erfolgreich, in den frühen Morgenstunden fanden sie Elissa endlich, nackt, nur mit Heu bedeckt, trotzdem kaum unterkühlt, unversehrt. Ihr Mann war äußerst erleichtert, nie wieder würde er sie alleine im Winter wandern lassen, nur weil er Skifahren wollte. Als er sie sah, phantasierte sie von einem gemeinsamen Spaziergang. von einer unvergesslichen Nacht. Neun Monate später gebar sie einen Sohn, den sie unbedingt Sammuel nennen wollte, was ihm noch nicht – trotz seiner bisherigen Unfruchtbarkeit – seltsam vorkam. Selbst als drei merkwürdige Typen aus Innergebirg bei ihrer Haustüre läuteten und Koks, ein Büschel Ziegenhaare sowie das neueste Iphone für Sammuel abgaben, war der vermeintliche Vater noch immer tiefenentspannt. In der Zwischenzeit machten sich einige Spezialisten aus dem Vatikan auf dem Weg, um den Kampf zwischen Gut und Böse aufs Neue auszufechten, neues Jahr, neues Glück!

Harald, 04. Jänner 2020

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