Mutprobe

Schmalbrüstl, der den Rummel um den Jahreswechsel und die Silvesterknallerei zutiefst verabscheute, überlegte sich, wie er ein von all seinen Nachbarn wahrnehmbares Zeichen des Protests gegen die ihm zuwideren Bräuche setzen konnte. Zuerst dachte er daran, sich eine Silvesterrakete zwischen die Gesäßbacken zu klemmen und sie von dort aus in den Himmel starten zu lassen, um zu zeigen, dass ihm das Neujahrsbrauchtum, volkstümlich ausgedrückt, am Arsch vorbeiging. Nach kurzer Abwägung verwarf er die Idee jedoch wieder, weil sie ihm allzu banal erschien. Womöglich hatte zur selben Zeit irgendein unterbelichteter Nondenker in einer langweiligen Kleinstadt wie Bludenz, Mürzzuschlag oder Wels die selbe Idee und stahl ihm, Schmalbrüstl, am Ende noch die Show. Darüber hinaus wollte er sich in der bewussten Nacht weder im Freien aufhalten, noch einen der Nachbarn bitten müssen, den in seiner, Schmalbrüstls, entblößten Gesäßfalte steckenden Feuerwerkskörper zu zünden. Etwas anderes musste her, mit dem er ein Zeichen setzte und das es ihm, Schmalbrüstl, gleichzeitig erlaubte, sich in der besagten Nacht mit der Decke über dem Kopf in sein Bett zurückzuziehen. Nach längerem fruchtlosem Grübeln fiel ihm endlich seine verstorbene Großmutter ein, die ihn immer eindringlich davor gewarnt hatte, in der Silvesternacht Wäsche zu waschen und im Freien auf der Leine hängen zu lassen. Was genau passierte, wenn man diesem Verbot zuwiderhandelte, hatte die Großmutter aber auch nicht zu sagen vermocht, da sie es nie selbst ausprobiert hatte. Es hieß aber, dass es etwas mit dem Tod zu tun hätte oder dass sogar demjenigen, der seine Wäsche zwischen den Jahren im Freien trocknen ließ, noch in der Nacht ein Familienmitglied wegstürbe, oder dass der nordische Gott Wotan Verderben über einen brächte, wenn er sich in einer der Raunächte beim wilden Ritt durch den Garten zwischen den Wäschestücken verhedderte. Das war genau das Richtige, dachte Schmalbrüstl zufrieden. Er war sich sicher, dass eventuell eintretendes Unglück nur seine Nachbarn treffen konnte, die sich ja vor Ort im Freien aufhielten, während er selbst in seinen vier Wänden in seinem Bett in Sicherheit wäre. Er stopfte weiße Bettlaken und Kissenbezüge zusammen mit einem Dutzend schwarzer Unterhosen in die Waschmaschine und wählte am letzten Tag des Jahres, als draußen die Abenddämmerung einsetzte, einen geeigneten Waschgang aus. Unmittelbar nach dessen Ende begab Schmalbrüstl sich mit seinem vollen Wäschekorb bereits in der Dunkelheit hinaus ins Freie zu seiner Wäschespinne und hängte die nassen Stücke sorgfältig arrangiert auf, indem er stets einem Kissenbezug oder Bettlaken eine schwarze Unterhose folgen ließ. Als wenig später die ersten Feuerwerkskörper am Nachthimmel explodierten, streifte Schmalbrüstl drinnen sein Nachthemd über, ließ die Rollläden herunter, steckte sich seinen Gehörschutz in die Ohren und begab sich zu Bett. Er schlief den tiefen, bleiernen Schlaf des wahrhaft Gerechten. Als er am Morgen entspannt erwachte, ließ er das erste Tageslicht des Neuen Jahres herein, zog sich seinen Morgenmantel an und trat hinaus ins Freie. Zufrieden stellte er fest, dass vor keinem der Nachbarhäuser ein Leichenwagen parkte. Als er die Wäschespinne inspizierte, schlug er aber doch im ersten Augenblick die Hände über dem Kopf zusammen. Die weißen Kissenbezüge und Bettlaken waren von schwarzrandigen Brandlöchern übersät wie der sprichwörtliche Schweizer Käse. Die schwarzen Unterhosen zierten flächendeckend weiße Vogelschisse. Doch wenn man davon absah, war alles andere wie immer. Schmalbrüstl, der den Verlust seiner Wäsche leicht wegstecken konnte, war optimistisch, dass ihm ein gutes Jahr bevorstand.

Michael, 04. Jänner 2020.

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