Der Professor

Ob er eine Wohnung besaß, wusste so wirklich keiner. Tagsüber wurde er übersehen, war oft unsichtbar. Viele hielten ihn für einen Clochard, hatte auch einen französischen Einschlag. Seine grauen, weniger gewordenen Haare wirkten wild, sein Alter im Gesicht ablesbar. Seine Zeit begann meist gegen zehn Uhr abends, wenn das Bürgertum die Netflix-Serien und Nachrichtensendungen bereits konsumiert hatte und den Abend bei einem Glas Rotwein stolz ausklingen ließ und es wusste, wie gut es ihnen ging. Seine erste Station war meist eine kleine Weinbar. Schnell kam er ins Gespräch, vor allem die Jungen hingen an seine Lippen. Sie fragten, er antwortete, berichtete vom Fall, vom Aufstieg, vom Wissen, von dem, was im Leben zählt und von seinem Lieblingsthema: Der Liebe. Liebe, die tagsüber kaum möglich wäre, erst wirklich in der Tagesdämmerung beginnen könne und in der Nacht, ja in der Nacht, da würde sie aufblühen. Nicht selten lag eine Studentin weinend in seinen Armen, um getröstet zu werden, gedemütigt von einem Studenten oder Mann, selten von einer Frau, natürlich tagsüber. In der Nacht wurde repariert, was tagsüber angerichtet worden war. Nicht geschätzt, oft nicht einmal gewusst, doch wahrhaftig echt. Nach einiger Zeit suchte er weitere Lokale auf. Überall war der Ablauf gleich, alle nannten ihn ehrfürchtig „Der Professor“. Manche, die mit ihm zu tun hatten, waren sich sicher, dass er wohl mehrere akademische Abschlüsse besitzen müsse. Seine Wortwahl, seine Mimik, sein Wissen, sein Gespür, all das war es, was so viele schätzten. Am Ende kam er in ein Lokal mit Livemusik, tanzte mit Studentinnen, exzessiv, unbändig, unbezähmbar, so gut das noch ging, wobei das Alter für ihn noch nie als Ausrede dienen konnte. Eine Lebendigkeit, eine Gesundheit, ohne Krankenzusatzversicherung, tagsüber wohl nicht vorstellbar. Nach dem letzten Lokal machte er sich auf den Weg zum Ausgangspunkt, der Weinbar. Dazwischen gab es noch eine Kleinigkeit zu erledigen, um die Stadt – natürlich unrechtmäßig – schöner zu gestalten, davon wird vielleicht mal später, in einer anderen Geschichte, gar berichtet. Dort angekommen, wartete er wenige Minuten. Die Kellnerin sperrte als Letzte ab, er gab ihr wie immer einen innigen Kuss, sie strahlte. Hand in Hand gingen sie die Straße hinunter, überquerten sie, gingen anschließend den Hang hinauf. Großer Altersunterschied, aber ein stimmiges Paar. Bei einer sehr feinen Villa, drückte er in der Hosentasche den Knopf und das Tor öffnete sich. Sie lächelten immer noch, wieder eine Nacht nach deren Geschmack. Drinnen angekommen, liebten sie sich bereits im großen Vorzimmer, während das Bürgertum nicht nur vom Wecker gedemütigt wurde. Ja, er war wohl wirklich ein Clochard, der Herr Professor, zumindest in der Nacht.

Harald, 25. Jänner 2020

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