Ukrainer-Friedhof

Einmal landete ich nach einer langen Autofahrt durch halb Deutschland mitten in der Nacht in Schönram in Oberbayern. Ich war gerade nach links in nordöstliche Richtung abgebogen, als auf einer längeren Geraden plötzlich mein alter Motor den Geist aufgab. Es war stockdunkel. Ich schaffte es gerade noch von der Hauptstraße nach rechts abzufahren und gelangte in eine kleine Nebenstraße, in der mein Wagen ausrollte. Ich zählte bis zehn und versuchte wieder zu starten. Vergeblich. Mein Motor verweigerte mir seine Dienste und sprang nicht mehr an. Nichts ging mehr. Innen- und Außenbeleuchtung ließen sich nicht mehr einschalten. Selbst das Amaturenbrett zeigte nichts mehr an. Trotz der späten Stunde rief ich mit meinem Mobiltelefon einen Pannendienst an. Zu meinem Erstaunen sagte man mir zu, dass man einen Abschleppwagen schicken würde. Ich solle mich aber eine Weile gedulden, hieß es, sie müssten erst einen Fahrer wecken. Ich stieg aus meinem Wagen und atmete die kühle Nachtluft ein. Der Himmel war sternenklar. Im Handschuh­fach fand ich meine Taschenlampe, die ich schon seit Längerem vermisste hatte. Ich knipste sie an und erkundete im Lichtkegel langsam meine Umgebung. In geringer Entfernung entdeckte ich ein paar Häuser, in denen aber kein Licht mehr brannte. Ich ließ den Strahl weiterwandern und bemerkte plötzlich einen lokalen Wegweiser, der mir bisher entgangen war. „Ukrainer-Friedhof 100 m“ stand auf dem Schild. Meine Neugier war geweckt. Da ich ohnehin warten musste, bis der Abschleppwagen eintraf, machte ich mich auf den Weg in den Wald. Schon nach ein paar Dutzend Schritten stieß ich auf den Friedhof, der, wie ich mit Hilfe der Taschenlampe feststellte, von einem Jägerzaun umgeben war. Paarweise sah ich die verwitterten steinernen Grabsteine zwischen den Bäumen stehen. Ich öffnete das kleine Gatter und betrat das Gelände. Neben dem mit Natursteinplatten ausgelegten Weg fand ich eine Gedenktafel, deren Inschrift ich im Schein der Taschenlampe las. Es war einer jener so selten gewordenen Augenblicke, in denen völlige Stille herrschte. Nachdenklich blieb ich ein wenig stehen und rührte mich nicht. Plötzlich aber sträubten sich mir die Nackenhaare. Im linken Augenwinkel hatte ich etwas wahrgenommen. Als ich zu der Stelle hinleuchtete, entdeckte ich zu meinem Entsetzen, dass eine ärmlich gekleidete Gestalt mit schweren Schritten langsam auf mich zukam. Ich blickte panisch in die andere Richtung und sah dort eine weitere Gestalt, die der ersten aufs Haar glich und sich ebenfalls auch mich zubewegte. Ich war wie gelähmt. Die beiden Gestalten kamen bedrohlich näher. Starr vor Angst war ich mir sicher, dass meine letzte Stunde geschlagen hatte. Ich blickte hektisch hin und her und sah, dass die beiden, als sie sich mir bis auf wenige Zentimeter genähert hatten, plötzlich ihre Arme ausbreiteten. „Zerquetschen wollen sie mich also“, dachte ich insgeheim und rief im letzten Augenblick voller Todesangst: „Ach, lasst mich doch bitte am Leben!“ Sekundenbruchteile später spürte ich, dass die beiden ihre Arme um mich schlagen und mich abwechselnd herzlich an sich drückten. Meine Erleichterung war grenzenlos. Nachdem sie mich wieder losgelassen hatten, atmete ich erst einmal tief durch. Schließlich fingen wir alle drei gleichzeitig zu reden an. Als wir bemerkten, dass wir so nicht zurrechtkamen, gaben die beiden einander Handzeichen und erteilten am Ende mir das Wort. Ich fragte sie, was in aller Welt sie mitten in der Nacht auf einem verlassenen Friedhof im Wald zu suchen hätten. Sie seien Brüder, sagte der eine in gebrochenem Deutsch, und sie stammten aus der Ukraine, von der aus sie vor ein paar Wochen per Anhalter aufgebrochen wären, nachdem sie nach Jahren der Ungewissheit durch Zufall erfahren hätten, dass ihr Großvater auf einem verlassenen Friedhof im fernen Deutschland begraben läge. Für sie sei es von größter Wichtigkeit, dass sie jenen Ort besucht hätten, an dem ihr Vorfahr als Zwangsarbeiter im Unrechtsstaat des Nationalsozialismus umgekommen sei. Ich blickte ein wenig verschämt zu Boden und gestand den beiden, dass ich zuerst gedacht hätte, dass sie mir nach dem Leben getrachtet hätten, als sie sich mir genähert hatten. Nein, sagte der andere der beiden Brüder, sie hätten mich umarmt, um einem anderen Menschen gegenüber ihre Freude darüber zum Ausdruck zu bringen, dass sie ihr Ziel erreicht und endlich ihrem Großvater auf ihre Art die letzte Ehre erweisen hatten können. Ich freute mich mit ihnen, sagte ich und gab dann zu bedenken, dass meine Freude allerdings erheblich dadurch getrübt sei, dass meine Vorfahren damals auf der Seite der Täter gewesen seien und damit große Schuld auf sich geladen hätten. Für sie sei es nicht mehr wichtig, wer die Schuld an den damaligen Ereignissen trüge, erwiderte einer der Brüder. Was zähle, sei allein, dass man nie vergesse, was damals geschehen sei, und dessen immer wieder gedenke. Dem stimmte ich nickend zu und fragte die beiden spontan, ob sie bereit wären, mir das Grab ihres Großvaters zu zeigen. Nachdem sie mich hingeführt hatten, standen wir eine Weile schweigend im Halbkreis um den verwitterten Stein. Schließlich wurden wir von einem lauten Hupen aus unseren Gedanken gerissen. Ich würde nun abgeholt, sagte ich zu den Brüdern und fragte sie, ob ich sie ein Stück mitnehmen könne. Sie bedankten sich höflich für das Angebot und sagten, dass sie lieber noch eine Weile bei ihrem Großvater blieben. Zum Abschied umarmten wir uns noch einmal, ehe ich mich auf den Weg zurück zur Straße machte, um dem Fahrer des Abschleppwagens behilflich zu sein.

Michael, 25. Jänner 2020

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