Horrornacht

Es regnete diese Nacht in Strömen. Um 22.30 wurde es sehr laut. Das Haus, von dem der Lärm kam, glich mit einem Turm fast einem Schloss. Seit Jahren waren die Bewohner dieses Hauses den Anrainern ein Dorn im Auge. Ein merkwürdiger Hausherr, dessen Geschlecht sich nicht auf den ersten Blick erschloss. Weitere Bewohner und Gäste, die über die Jahre zu wechseln schienen. Im Nachbarhaus war an Schlaf nicht mehr zu denken. „Ewald“, so führte die aufgewachte Gattin aus, „Ewald, diesmal gehen sie zu weit. Ich habe morgen einen anstrengenden Tag vor mir. Zuerst Maniküre, Treffen mit meiner Freundin zum Café und abends noch der Yogakurs. Du rufst jetzt sofort die Polizei“. Der noch nicht ganz erwachte Ewald konnte in diesem Zustand keinen Widerstand leisten und griff zum Telefon. Die Gattin beobachte die Szenerie im Nachbarhaus in weiterer Folge akribisch. Nach mehrmaligen Ermahnungen an Ewald, er solle doch nochmals anrufen, da die Polizei noch immer nicht vor Ort wäre und der Lärm keineswegs abgenommen hätte, wurde Ewald endlich durch das Eintreffen eines relativ jungen Polizistenpaars erlöst. Seine Gattin sah, wie die Beiden läuteten und ihnen eine Art Diener die Tür öffnete. Sie waren bereits durch den noch immer starken Regen durchnässt und betraten nach einem Gespräch das Haus. Nach kurzer Zeit vermeinte die Gattin das Polizistenpaar zu erkennen, diesmal aber in sonderbaren weißen Mänteln. Im ersten Stock versammelten sie sich, als der Hausherr eine Motorsäge startete und auf irgendjemanden losgehen zu schien. Die Gattin war abermals außer sich. Mit „Ewald, Ewald, jetzt geschieht ein Mord.“ weckte sie den wieder eingeschlafenen Ewald. Ewald wurde nun genötigt, das Sondereinsatzkommando zu rufen, während seine Gattin hysterisch von spritzendem Blut und einem abgetrennten Arm, der zu einem Mann mit längerem Haar wohl gehörte, berichtete. Diesmal dauerte es nicht mehr so lange und das Haus wurde vom Sondereinsatzkommando umstellt. Die Gattin war mittlerweile mit Fernstecher ausgerüstet und Ewald durfte ihr nicht von der Seite weichen. Keine drei Minuten später war das Sondereinsatzkommando startklar. Dieses läutete nicht, sondern fiel sozusagen mit der Tür ins Haus. Dann passierte eine längere Zeit gar nichts, die Musik war noch immer laut und manchmal sah Ewalds Gattin nur Personen hin- und herspringen bzw. dürften sie auch manche nähergekommen sein, wobei sie sich nicht sicher war, ob das zu so einem solchen Einsatz gehörte oder schon eher als romantische Verstrickung zu verorten wäre. Es wurde noch merkwürdiger. Manchmal schienen alle zu tanzen, dann verfolgten sie sich wieder. Durch die vielseitigen Beobachtungen verging die Zeit wie im Flug. Es war nun 05.15 Uhr und in weiteren Häusern der Nachbarschaft ging das Licht an. Um 05.20 öffnete sich in dem Haus mit dem Turm nun die Tür, die deutlich quietschte. Herauskamen seltsamste Gestalten, allesamt in Strapsen, mäßig bis kaum bekleidet, verschmierter Lippenstift überall. Selbst das Polizistenpaar und das Sondereinsatzkommando fügten sich nahtlos in diese Adjustierung ein. Sie schienen viel Spaß gehabt zu haben. Plötzlich wurde die Musik noch lauter, als alle nach links hüpften:

„It’s just a jump to the left
And then a step to the right
With your hands on your hips
You bring your knees in tight“

Beim zweiten Refrain machte bereits die halbe Nachbarschaft mit. Als das Lied zum dritten Mal erklang, machte sich auch Ewald samt Gattin auf den Weg zum Nachbarhaus, um lauthals mitzusingen:

Let’s do the time-warp again
Let’s do the time-warp again

Harald, 01. Februar 2020.

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