Kälbertransport

Auf dem Maskenball der Feuerwehr in Bergheim hatten sich aufgrund eines dummen Zufalls alle Frauen als Papst Franziskus und alle Männer als Mutter Teresa verkleidet, was die Stimmung so sehr gedämpft hatte, dass Eduard, der als einziger in einem Metzgerkostüm erschienen war, die Veranstaltung vorzeitig verließ, als um ihn herum im Ballsaal nur noch Halma gespielt und Kräutertee getrunken wurde. Es war kurz vor Mitternacht. Eduard wollte nach Hause. Er machte sich zu Fuß auf den Weg, verlor im dichten Nebel allerdings bald die Orientierung. Erst, als er irgendwann auf einen Zaun stieß, hinter dem er verschwommen die Gebäude des städtischen Schlachthofs ausmachte, atmete Eduard erleichtert auf. Wenn er sich an dem Hindernis entlang hangelte, sagte er sich, musste er zwangsläufig binnen kürzester Zeit jene Lokalbahnstation erreichen, die sein Ziel war und die den Namen Schlachthof trug. Zu seinem Missfallen kam er jedoch nur langsam voran. Nach einigen Minuten beschlich ihn dazu noch das mulmige Gefühl, dass er nicht mehr allein unterwegs war. Er täuschte sich nicht. Während er sich an einer rutschigen Stelle mit beiden Händen am Maschendraht festhielt, wurde er plötzlich von der Seite her angerempelt und kam zu Fall. Auf dem Boden liegend schloss er zunächst seine Augen, um angestrengt darüber nachzudenken, wie er sich aus seiner misslichen Lage befreien konnte. Plötzlich spürte er im Nacken den Atem jener Kreatur, die ihn aus dem Hinterhalt angegriffen hatte. In seiner Panik griff Eduard in die Brusttasche seiner Metzgerschürze und fand dort eine Spraydose mit Goldlack, die er bei der Tombola auf dem Maskenball gewonnen hatte. Er packte die Dose, drehte sich herum und sprühte, was das Zeug hielt, mit weiterhin geschlossenen Augen in die Richtung, in der er seinen unheimlichen Gegner vermutete. Es half nichts. Eduard wurde erneut attackiert, diesmal immerhin ein wenig sanfter als zuvor. Nachdem er ein paar Meter weiter gekrochen war, reagierte an einem Gebäude drinnen im Schlachthof, das fast bis an den Zaun heranreichte, ein Bewegungsmelder und schaltete eine Außenlampe ein, deren Licht Eduard auch durch die geschlossenen Augenlider wahrnahm. Endlich öffnete er die Augen, stand auf und erkannte, mit wem er es die ganze Zeit zu tun gehabt hatte: Mit einem Kalb, das offensichtlich irgendwie der tödlichen Maschinerie des Schlachthofs entkommen war und seine Freiheit wiedererlangt hatte. Als Folge von Eduards Sprayattacke glänzte es golden im Licht der Lampe. Als Eduard realisierte, dass er mitten in der Nacht allein in einem Metzgerkostüm mit einem Kalb vor dem Schlachthof stand, fragte er sich allen Ernstes, wie jemand auf die Idee verfallen konnte, ein solches Geschöpf zu töten, zu portionieren und zuzubereiten, um es danach zu verzehren. Er streckte dem Tier seine Hand entgegen, an der es sofort zu saugen begann, da es wohl bloß hungrig war und Eduard nur aus diesem Grund angegriffen hatte. Er überlegte, was angesichts der veränderten Lage nun zu tun wäre. Schließlich fiel ihm nichts Besseres ein, als sich wieder auf die Suche nach der Lokalbahnstation zu machen. Da das Licht die Sichtverhältnisse ein wenig verbesserte, hielt Eduard sich nicht länger am Zaun fest, als er wieder in Bewegung setzte. Das Kalb trottete vertrauensvoll hinter ihm her. Als auf dem Weg weitere Bewegungsmelder reagierten und für noch mehr Licht sorgten, konnte Eduard seine Gehgeschwindigkeit steigern. Wenige Minuten später erreichte er zusammen mit dem goldenen Kalb den Bahnsteig der Lokalbahnstation. Als er auf seine Uhr blickte, sah er, dass es bereits später war, als er gedacht hatte, und dass der fahrplanmäßig letzte Zug stadteinwärts bereits gefahren war. Wenig später sah Eduard allerdings doch eine Bahn herannahen, die langsamer wurde, als sie sich der Station näherte. Auf dem Display an der Stirnseite las er, dass es sich um eine Leerfahrt handelte. Zu seinem Erstaunen hielt die Garnitur an. Der Schaffner stieg aus und fragte Eduard, was er mutter­seelenallein in der Nacht mit einem goldenen Kalb auf dem Bahnsteig zu suchen hätte. Eduard gestand, dass er es leider auch nicht genau wüsste, dass er aber irgendwie das Gefühl hätte, dass er sich um das ihm zugelaufene Kalb kümmern müsse. Bis zum Betriebsbahnhof nach Itzling könne er sie mitnehmen, bot der Schaffner an, dort müssten sie dann aber sehen, wie sie allein weiter zurecht kämen. Eduard nickte und schob das Kalb in den Wagen. Der Zug fuhr los. Damit alles seine Ordnung hätte, sagte der Schaffner, müsse er allerdings auf gültigen Fahrkarten bestehen. Eduard zeigte seine Jahreskarte vor. Der Schaffner beharrte darauf, dass auch für das Kalb ein Beförderungsentgelt entrichtet werden musste. Eduard seufzte und löste für das Kalb ein Kinderticket, was der Schaffner akzeptierte. Während sie bis zum Betriebsbahnhof mitfuhren, saugte das Kalb weiterhin an Eduards Fingern. Nachdem sie an der Remise ausgestiegen waren, rang Eduard, während er sich mit dem Kalb in Richtung Plainstraße aufmachte, wieder einmal um eine Idee. Auf einmal bemerkte er, dass sich vor ihm in eine Parklücke zwischen einem Lieferwagen und einem Bootsanhänger ein weiteres Fahrzeug zwängte, auf dessen Dach ein Schild befestigt war, das die Limousine als Taxi auswies. Als der Fahrer ausstieg, hatte Eduard endlich eine Idee. Er sprach den Mann an, erklärte ihm die Sache mit dem Kalb und fragte ihn, ob er bereit wäre, ihn, Eduard, zusammen mit dem hungrigen Tier an ein Ziel zu fahren, dass er ihm noch nennen würde. Ein wenig murrend bemerkte der Taxilenker, dass es mitten in der Nacht sei und dass er eigentlich nun Feierabend hätte. Als das Kalb aber auch an seinen Fingern zu saugen begann, ließ er sich breitschlagen, allerdings nur unter der Bedingung, dass das Kalb auch auf die Rückbank seines Wagens passte. Zusammen mit Eduard versuchte er das Tier ins Fahrzeuginnere zu hieven. Sie scheiterten trotz mehrerer Versuche. Als Eduard dem Mann für seine Mühe dankte und sich bereits anschickte, unerrichteter Dinge weiterzuziehen, hielt der Taxilenker ihn plötzlich zurück. Er solle noch warten, sagte er zu Eduard. Vielleicht gäbe es doch noch eine Möglichkeit. Er packte die Deichsel des Bootsanhängers, der hinter dem Taxi stand, und verband sie mit der Anhängerkupplung. Das Boot gehöre nämlich ihm, rief er und zog die Plane herunter, die es bedeckte. Gemeinsam mit Eduard hob er das Kalb ins Boot. Eduard kletterte hinterher und setzte sich. Er nannte dem Fahrer das Ziel und hielt das Tier fest. Der Taxilenker nickte, stieg ein, startete seinen Wagen und parkte aus. Sie fuhren langsam in Richtung Nordosten, bis sie die Bundesstraße 1 erreichten, auf der sie die Stadt verließen. Trotz der winterlichen Kälte empfand Eduard hinten auf dem Anhänger ein nie gekanntes Glücksgefühl, während er in Gegenwart des goldenen Kalbes, mit dem er im selben Boot saß und das er rettete, aufs Land hinausfuhr, wo das Kalb hingehörte. Nach etwa 20 Minuten hatten sie das Ziel erreicht, das Eduard dem Fahrer genannt hatte, das Gut Aiderbichl, das als Zufluchtsort für vor der Schlachtung gerettete Tiere bekannt war. An der verschlossenen Pforte sprang Eduard vom Boot, läutete und erklärte über die Gegensprechanlage dem schlaftrunkenen Tierwärter, der Nachtdienst hatte, seine Situation. Das Tor öffnete sich und sie durften passieren. Eduard, der inzwischen müde geworden war und der entsetzlich fror, übergab drinnen an den Stallungen sein goldenes Kalb an den Tierpfleger. Der Taxilenker, den die folgende Abschiedsszene doch einigermaßen rührte, verzichtete auf seinen Fuhrlohn und bot Eduard an, dass er ihn wieder mitnähme in die Stadt. Eduard nahm dankend an und ließ sich ermattet in den Beifahrersitz fallen. Während der Fahrt kam er mit dem Fahrer ins Gespräch und erzählte ihm die Geschichte von Anfang an. Als er geendet hatte, sagte er, dass er im kommenden Jahr noch einmal an dem Maskenball der Feuerwehr in Bergheim teilnehmen wolle. Als Metzger würde er sich dann allerdings nicht mehr verkleiden, sondern wohl auch als Mutter Teresa, selbst auf die Gefahr hin, dass dann auch er den ganzen Abend Halma spielen und Kräutertee trinken musste.

Michael, 28. Februar 2020.

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