Fleischliches Glück

Weil die staatliche Zuwendung, die er erhielt, nicht ausreichte, um seinen Hunger zu stillen, brach Urasser, der sein gesamtes Hab und Gut an einarmigen Banditen verzockt hatte, eines Nachts in seinem Heimatort Unterndorf in die Produktions­halle der Metzgerei Beblinger ein, um sich dort richtig satt zu essen. Um seine Nervosität zu dämpfen, rauchte er Kette, während er die Schlösser knackte. Als er ans Ziel seiner Träume gelangte und bereits die herrlichen Wurstwaren roch, schnippte er seine letzte Kippe achtlos über die Schulter und traf ungewollt genau in den Speiseölbehälter der Leberknödelmaschine. Das Öl entzündete sich sofort und begann innerhalb weniger Augenblicke heftig zu brennen. Urasser, dem sein Magen vor lauter Hunger gefühlt schon bis zu den Kniekehlen hing, geriet außer sich über seine ungeheure Dummheit. Als gleich darauf auch die Maschine selbst in Flammen stand, wurde ihm klar, dass er sich sofort zurückziehen und weiter darben musste. Er trat den Rückweg an und tauchte unter in der Dunkelheit der Nacht. Als er sich draußen im Freien ein letztes Mal umdrehte und durchs Fenster drinnen die mächtigen Flammen lodern sah, fasste er sich ein Herz und wählte den Notruf der Feuerwehr. Er gab durch, was er beobachtet hatte, und nannte seinen Namen und seinen Standort. In der Folge waren mehrere Feuerwehren rasch zur Stelle und konnten das Schlimmste verhindern, indem sie den Brand an der Leberknödelmaschine löschten. Urasser, der später von der ebenfalls hinzugezogenen Polizei befragt wurde, heimste höchstes Lob ein für seine Aufmerksamkeit und sein rasches Handeln. Im Morgengrauen trafen die Mitglieder der Eigentümerfamilie der Metzgerei Beblinger ein und dankten Urasser persönlich. Um sich bei ihm für seinen Einsatz erkenntlich zu zeigen, versprachen sie ihm auf unbestimmte Zeit die regelmäßige Gratislieferung ausgewählter Wurstspezialitäten. Als sie ihn beiläufig fragten, wann es ihm denn recht sei, dass er die erste Sendung bekäme, hielt Urasser es nicht mehr aus und sagte, dass er auch sofort einen Happen vertragen könne. Von der köstlich duftenden Stange Salami, die man ihm daraufhin zusteckte, hatte er auf dem Heimweg nach etwa zehn Minuten bereits mehr als die Hälfte verschlungen. Obwohl er sich ein wenig wie ein zweiarmiger Bandit vorkam, fand er das Sättigungsgefühl in seiner Leibesmitte herrlich.

Michael, 5. März 2020

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