Nachtradio

Tief in der Nacht drehte er immer um die gleiche Uhrzeit das Radio auf. Auf einer eigentlich nicht vergebenen Frequenz erklang eine weibliche, überaus angenehme Stimme und begann mit einer einstündigen Sendung. Diese Sendung beinhaltete Musik, die sonst nie zu hören war und auch Anrufe waren möglich. Sabine, so nannte sich die Moderatorin, nahm sich für alle Fragen Zeit und schien unendliches Wissen zu haben. Sie half über Ehekrisen, verursachte teils bewusst Ehekrisen, antwortete situativ, manchmal chaotisch, dann wieder strukturiert, nüchtern und benebelt, am Ende war jeder Anrufer glücklich. Hermann nahm diese Nacht seinen ganzen Mut zusammen, um selber anzurufen, bei Sabine und der Sendung „SB“. Es war eine Frage, die ihn schon so lange beschäftigt hatte und er hoffte dabei, Sabine nicht zu nahe zu treten. Es läutete und nach wenigen Sekunden hob Sabine ab und er war live auf Sendung. Er, Hermann, hätte eine einzige Frage: „Sabine, ich kenne deine Stimme und ich weiß nicht woher. Ich habe meine ganze Plattensammlung durchgehört, weil ich dachte, du bist eine berühmte Sängerin. Dann habe ich mir – und das musst du dir mal vorstellen – sämtliche Sprecherinnen des Ö3-Verkehrsfunk durchgehört. Danach ging es mir eine Zeit lang wirklich richtig schlecht. Letzte Woche habe ich es auch noch bei den Werbesprecherinnen versucht und merkte, dass ich davon krank werde, wenn ich mir noch mehr davon zu Gemüte führe. Du kannst es mir beantworten, bitte, ich liebe deine Stimme so.“. Sabine blieb kurz still und antwortete dann: „Hermann, das freut mich, dass du meine Stimme so liebst. Und ich bin mir auch sicher, dass du sie tatsächlich kennst. Aber solche Geheimnisse plaudere ich doch nicht im Radio aus, selbst nicht in der Nacht auf einer für fast alle unbekannten Frequenz.“. Hermann blieb hartnäckig: „Sabine, das kann ich nur zu gut verstehen. Aber die Verliebtheit in eine Stimme kann so übermächtig sein, Nacht für Nacht, ich kann an nichts anderes mehr denken. Deine Worte, deine klugen Sätze, dein Musikgeschmack, alles scheint so richtig. Du bist die Königin des Radios.“. Sabine schmunzelte hörbar und hauchte: „Hermann, ich rufe dich nach der Sendung an. Ich sehe ein, dir muss in diesem Fall anders geholfen werden.“. Hermann legte überglücklich den Hörer auf, wobei ihm eigentlich doch klar sein musste, dass ihn Sabine nie zurückrufen würde. Kurz nach Ende der Sendung läutete aber bereits sein Telefon und Sabine forderte ihn auf, ihr seine Adresse zu geben. Dieser Aufforderung kam Hermann liebend gerne nach und nach einer weiteren halben Stunde läutete es an der Tür. Sabine stand mit blondem Haar vor ihm, fast 1,80 groß, schlank, trainiert, tolle Figur und sagte: „Hallo Hermann“. Hermann presste ebenfalls ein „Hallo“ hervor und ließ Sabine herein. „Hermann, bist du bereit?“, fragte sie. Hermann nickte. „Zuerst machen wir ein paar Liegestütz“, meinte Sabine. „Du weißt ja, zuerst die Arme auf dem Boden aufstützen und dann geht es schon los.“, führte sie weiter fort, „Noch ein paar Wiederholungen…“. Hermann wusste nicht wie ihm geschah. Nach weiteren Übungen befand sie Hermann aufgewärmt genug und sie wechselten auf die Couch. Dem nicht mehr ganz jungen Hermann war jetzt jede Hemmung fremd und sie rissen sich gegenseitig die Kleider vom Körper. Nach einer Stunde lag Hermann so glücklich wie noch nie zuvor in Sabines Armen. Sabine bedankte sich bei Hermann und sagte, dass sie nun wieder los müsse und sie hoffe, dass er weiter ihre Sendung hören würde. Sie gaben sich noch einen Kuss und Hermann musste sie noch einmal fragen: „Bitte, Sabine, woher kenne ich deine Stimme?“. Sabine lächelte bei der Antwort: „Meine Sendung SB steht für Sabine Buck.“. Und dann entschwand sie in der Nacht. Hermann fiel es wie Schuppen von den Augen. Nach einer kurzen Recherche fand er eine Aufzeichnung von „Fit mach mit“. Sabine war die Urenkelin von Ilse Buck, mit gleicher Stimme und hatte im Gegensatz zu Ilse neben der Gymnastiklehrerausbildung noch eine Ausbildung als Psychologin. Hermann verbrachte die folgenden Nächte zuerst mit der Sendung „SB“ und dann mit Sabine. Er resümierte, dass Radio hören wohl nie langweilig werden würde, zumindest nicht in der Nacht.

Harald, 27. März 2020.

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