Kuhhandel

Leni und Lisi, zwei stattliche Milchkühe im besten Alter besaßen zusammen drei Augen, die sie sich untertags schwesterlich teilten und nachts in einer Schatulle aufbewahrten. Mit Einverständnis des Bauern bekam Leni an geraden Tagen zwei der Augen, Lisi an ungeraden. Ausnahmen von dieser einfachen Regel machten sie nur, wenn eine von ihnen die Glocke um den Hals trug und Führungsaufgaben übernahm, was aber nur selten vorkam. Wer die Glocke trug, bekam dann automatisch zwei der Augen. Einmal an einem geraden Tag, als Leni brünstig war, suchte sie am Abend im Stall das Gespräch zu Lisi. Sie seien bis jetzt immer ja künstlich besamt worden, begann Leni. Sie wolle aber wenigstens einmal in ihrem Leben von Wotan, dem Bullen besprungen werden. Sie hätte ihn im Lauf des vergangenen Tages während des Widerkäuens schon darauf angesprochen, als sie ihn auf der Nachbarweide entdeckt habe. Obwohl sie ihn heftig angeflirtet hätte, habe er sich aber abweisend gezeigt. Deshalb wolle sie fragen, ob sie, Leni, morgen Wotan ausnahmsweise noch einmal schöne Augen machen dürfe, obwohl es ein ungerader Tag sei. Lisi, die selbst brünstig und alles andere als begeistert war, antwortete, dass sie, Leni, ja auch ein Auge auf Wotan werfen könne, aber, wenn ihre, Lenis, Glückseligkeit davon abhinge, dann solle sie, Leni, sich in Gottes Namen eben morgen noch einmal zwei der Augen nehmen, damit Wotan sie endlich bespränge. Zum Dank für ihr Entgegenkommen leckte Leni Lisi mit ihrer feuchten Zunge über die Stirn, als sie sich schlafen legten. Leni versprach Lisi, dass sie dafür an den folgenden beiden Tagen zwei Augen bekäme, damit Wotan auch sie, Lisi, noch bestieg. Mit dieser für sie beide erfreulichen Aussicht nickten Leni und Lisi ein. Noch vor Mitternacht fuhren sie aber kurz hintereinander wieder aus dem Schlaf hoch, als sie die kalte Spritze des Besamers spürten, der in Begleitung des Bauern diesmal in der Nacht gekommen war. Am Morgen ließen Leni und Lisi alle drei Augen in der Schatulle und blieben einfach liegen, blind vor lauter Enttäuschung.

Michael, 3. April 2020

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