Wotan sieht rot

(… eine Fortsetzung zum „Kuhhandel“ von vergangener Woche…)

Wotan, der Zuchtbulle, hasste es, wenn sie ihn mitten in der Nacht weckten und an seinem Nasenring zogen. Er wusste sofort, was es bedeutete. Gleich würden sie ihn von der Kette losbinden und an einem Strick ins nahegelegene Labor­gebäude hinüberführen, damit er dort zum wiederholten Mal die verdammte Kuhattrappe bestieg und sie grimmig rammelte, bis endlich sein Sperma in die künstliche Vagina einschoss. Erst wenn er ausreichend geliefert hatte, durfte Wotan von der mit Brunstaroma besprühten Kunstkuh wieder heruntersteigen. Besonders widerlich fand er immer jenen Augenblick, in dem Günter, der Absamer, dämlich grinsend das mit seinem, Wotans, Samen gefüllte Kondom ins künstliche Licht hielt, um die jeweilige Ausbeute zu prüfen. Wotan wurde wütend, als er auf dem Weg zum Labor daran dachte, dass Günter und auch der Bauer der Ansicht waren, dass er, Wotan, es gar nicht bemerkte, dass er immer bloß eine Attrappe begattete. Diesmal, schwor er sich, als der Bauer ungeduldig am Strick zog, würde er es ihnen zeigen, was er von jenem Bullenleben hielt, dass sie ihm zumuteten. Er wartete einen günstigen Augenblick ab. Als sie den Stall verließen und in die sternenklare Nacht hinaustraten, riß Wotan sich plötzlich von dem Strick los und ergriff die Flucht. Nicht eher wollte er zurückkehren, als er nicht mindestens eine echte Kuh besprungen und gedeckt hatte. Wotan lief, so schnell er konnte, vom Hofgelände und schlug sich sofort in ein Maisfeld, das er der Länge nach durchquerte. Daraus, dass während seiner Flucht die aufgeregten Rufe des Bauern allmählich abklangen und schließlich ganz verstummten, schloss der Bulle, dass er es geschafft hatte und blieb stehen, um zu verschnaufen. Für den Rest der Nacht verbarg er sich im Unterholz des nahegelegenen Buchen­wäldchens und wagte sich erst im Morgengrauen ein wenig aus seiner Deckung hervor. Als er vom Weg Gemuhe hörte, dessen Intensität sich steigerte, fiel im ein, dass er im Jahr zuvor auf einer Weide hinter dem Wäldchen eine Kuh, Leni, kennengelernt hatte, die ihn damals eingeladen hatte, sie zu begatten, was er aber abgelehnt hatte, da Leni, die ihn mit ihren beiden Augen flehentlich angeblickt hatte, ihn nur mäßig erregt hatte. Er wartete im Verborgenen, bis der Bauer die Herde auf die Weide getrieben und die Lücke im elektischen Zaun wieder geschlossen hatte. Als die Luft rein war, trat Wotan endgültig aus dem Unterholz und stattete den Rinderdamen einen Überraschungsbesuch ab. Er wurde freundlich willkommen geheißen. Unter einer mächtigen Akazie erkannte er Leni wieder, die dort in Begleitung Lisis zu grasen begonnen hatte. Die beiden schwesterlichen Freundinnen besaßen zusammen drei Augen, die sie nachts in einer Schatulle verwahrten und von denen abwechselnd die eine von ihnen untertags zwei tragen durfte, während die jeweils andere dann mit nur einem Auge das Auslangen fand. Als Leni ihren Kopf in seine Richtung hob, bemerkte Wotan, dass sie diesmal ein drittes Auge auf ihrer Stirn hatte und dieser Umstand erregte ihn so sehr, dass ihm das Blut in seine Lenden schoss und er Leni sofort um die Erlaubnis bat, sie bespringen zu dürfen, was ihm freudig gewährt wurde. Wotan verlor keine Zeit und stieg augenblicklich auf. Er fand den Deckakt so erbaulich, dass er nur widerstrebend von Leni wieder abstieg, als sie ihm durch wildes Muhen kundtat, dass sie bereits empfangen hatte. Er war immer noch so sehr im Stimmung, dass er auch noch Lenis Freudin Lisi besprang, die an diesem Tag gar kein Auge hatte, was Wotan in seiner Wollust gar nicht bemerkte. Nachdem er auch noch mit der blinden Kuh gespielt und sie glücklich gemacht hatte, sank Wotan ermattet unter der Akazie ins Gras und schlief auf der Stelle ein. Als er gegen Abend erwachte, ließ er sich widerspruchslos vom Bauern, der überall nach ihm gesucht hatte, einfangen und zusammen mit den Kühen am Strick in den Stall zurückführen.

Leni und Lisi, die nach etwas mehr als neunmontiger Trächtigkeit kalbten, brachten mitten in der Nacht im Abstand von wenigen Minuten jeweils ein Stierkalb zur Welt. Lenis hatte gar keine Augen, Lisis hingegen drei, was niemand sich befriedigend erklären konnte.

Wotan, der nach seinem Abenteuer wesentlich ausgeglichener war als davor, nahm seine Tätigkeit als Zuchtbulle wieder auf und ließ sich weiterhin regelmäßig auf der Kuhattrappe absamen. Einmal, als er vom Bauern ein paar Minuten zu früh ins Labor geführt wurde, wurde er unfreiwillig Zeuge, wie Günter, der Absamer, sich splitternackt und mit hochrotem Kopf keuchend mit einer Sexpuppe auf dem Laborboden vergnügte. Von diesem Moment an war Wotan mit seinem Bullenleben endgültig im Reinen.

Michael, 10. April 2020.

2 Kommentare zu „Wotan sieht rot

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