Brutalität

Es ist der Abend des 26. Oktober Zweitausendirgendwas. Ich höre Radio. Da kommt endlich, endlich, völlig unerwartet die erlösende Meldung: Österreich ist frei! Der letzte Virusträger, flötet der Nachrichtensprecher, sei gefunden worden und habe soeben das Land verlassen, ein Bayerischer Bazi, der jahrelang mit falschen Papieren am Salzburger Flughafen gearbeitet und dort die Messergeb­nisse für die Luftqualität manipuliert habe. Die Behörden hätten ihn nach seiner Enttarnung gefesselt in einen beschlagnahmten BMW gesetzt und im Leerlauf bei Tittmoning über die Salzachbrücke heimgeschoben. Die Pandemie ist beendet. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist die Ausgangssperre aufgehoben. Alle Beschrän­kungen sind ab sofort null und nichtig. Ich spüre, wie mir die Tränen kommen. Ich darf heim, nach all den Jahren endlich nach Hause in mein geliebtes Sim­mering! Ich staple die noch übrigen Konservendosen mit Kärntner Kasnudeln, die mich jahrelang genährt haben, zu einer Pyramide und übergieße sie mit Benzin. Dann krieche ich aus meinem Kellerloch im Herzen von Gurk, in dem ich die ganze Zeit während der Pandemie tapfer ausgeharrt habe. Mit federleichter Eleganz werfe ich ein brennendes Streichholz hinunter ins Loch und registriere zufrieden den entstehenden Knall. Während das Gebäude bis auf die Grundmauern niederbrennt, sitze ich schon im Postbus nach St. Veit an der Glan, der zum Glück schon wieder fährt. Am Bahnhof kaufe ich mir nach all den Jahren zum ersten Mal wieder zwei Zeitungen, für die Bahnfahrt nach Wien. Wieder ist mir das Glück hold. Knapp erreiche ich einen Fernexpress, der sich mit ein paar Minuten Verspätung in Bewegung setzt. Ich sitze allein in einem Sechserabteil und realisiere endlich, dass ich wirklich frei bin. Alles möchte ich gleichzeitig machen: Jubilieren, die draußen vorüberziehende abendliche Kärntner Land­schaft genießen, die Zugbegleiterin küssen und wie ein Verrückter ausgelassen auf den Sitzbänken hüpfen. Die Schaffnerin, deren leidenschaftlichste Lebensmomente augenscheinlich bereits ein paar Jahre zurückliegen, sieht mir den stürmischen Kuss nach und mahnt mich zur Besonnenheit. Wir seien bald in Wien, sagt sie, dort könne ich mich dann nach Herzenslust austoben. Ich sehe ein, dass sie Recht hat und beruhige mich, indem ich zu den Zeitungen greife, die ich vor der Abfahrt erstanden habe. Als mir die völlig unerwartete Schlagzeile der Kronenzeitung ins Auge springt, sacke ich sofort mit einem mulmigen Gefühl zusammen. KIM HAT DIE NEUTRONENBOMBE! lese ich. Meine Euphorie verpufft sofort. Ich schalte unbewusst zurück in den Wachsamkeitsmodus, mit dem ich die vergangenen Jahre überstanden habe. Was um alles in der Welt, denke ich entgeistert, hätte das nun wieder zu bedeuten? Nach all der Entbehrung erst seit ein paar Stunden frei und nun schon wieder bedroht? Ich schlage die Zeitung auf und lese. Kim, heißt es, verfüge nach langwierigen Forschungen und zahlreichen Tests nun über Neutronenbomben in ausrei­chender Zahl und auch über entsprechende Trägerraketen, mit denen sie jeden beliebigen Punkt auf der Welt erreichen könnten. Es existierten Gerüchte, lese ich weiter, dass für den ersten, nicht unmittelbar bevorstehenden Einsatz ein Ziel in Mitteleuropa, genauer gesagt in Österreich, anvisiert werden könnte. Mehr weiß die Kronenzeitung leider nicht. Es folgen Berichte über das Ende der Pandemie, die mich nun aber gar nicht mehr besonders interessieren. Ich mache mir Sorgen. Was, denke ich, wenn Kim tatsächlich Ernst macht und uns eine Neutronenbombe schickt? Wir würden alle gemeinsam sterben und es nicht einmal bemerken. Ich muss Gewissheit haben und schlage die zweite Zeitung auf, das Oberösterreichische Volksblatt, eine Qualitätszeitung von unerreichter Güte. Dort finde ich gottlob entsprechende Hintergrundinformationen. Kim habe unangekündigt die Buchhaltung der Freundschaftsgesellschaft für Österreich und sein asiatisches Heimatland prüfen lassen und dabei Unregelmäßigkeiten festgestellt. Jahrelang seien Wurstsemmeln doppelt und dreifach verrechnet worden. Kim hätte auf diplomatischem Weg Aufklärung verlangt. Ein ehemaliger österreichischer Präsident, der einmal Mitglied im Vorstand der Freundschafts­gesellschaft gewesen sei, habe beschwichtigt. Er hätte noch alle Wurstsemmel­belege der letzten 50 Jahre bei sich zu Hause gestapelt und würde sie gern zur Verfügung stellen. Diese Zusage hätte Kim nicht nachhaltig beruhigt, weiß das Volksblatt weiter, er hätte der Bundesregierung ein Ultimatum gestellt und die grundsätzliche Möglichkeit des Einsatzes der Neutronenbombe angedeutet. Nun packt mich die nackte Angst. Will Kim, denke ich, uns unangekündigt alle auslöschen? Fieberhaft überlege ich, wer uns dann beistehen könnte. Kims dicker blonder Freund auf der anderen Seite des Großen Teiches kommt nicht mehr in Frage. Er ist ja längst nicht mehr im Amt, sondern residiert quietschfidel in einer Klapsmühle, die eigens für ihn auf Staatskosten gebaut wurde. Dort hat er sein persönliches Muschizimmer, in dem er den ganzen Tag nach Herzenslust grabschen kann, wenn ihm danach ist. Sie haben sogar einen eigenen Nachrichtendienst für ihn eingerichtet, mit dessen Hilfe er unendliche lange Botschaften schreibt, die alle auf ein Kabel umgeleitet werden, dessen offenes Ende direkt im Hudson River steckt. Der dicke Blonde ist also beschäftigt, denke ich. Er hätte uns aber sowieso nicht geholfen. Es wird schon nicht so schlimm werden, versuche ich mir Mut zu machen und wiederhole diesen Satz solange, bis ich es am Ende fast glaube und wir gegen 21 Uhr in den Wiener Hauptbahnhof einrollen. Als ich aussteige, verdränge ich all meine Sorgen und freue mich auf mein geliebtes Simmering, dem ich nun endlich wieder so nahe bin wie schon lang nicht mehr. Ich steige in die S-Bahn und fahre weiter bis zur Haltestelle Wien Simmering, die ich in den Jahren vor der großen Pandemie zum letzten Mal besucht habe. Mein Herz klopft wild, als ich in der abendlichen Dunkelheit den Bahnsteig verlasse. Ich schlage den Weg in die Hasenleitengasse ein, in deren Nähe ich aufgewachsen bin. Schon nach wenigen Metern fällt mir auf, dass keine Menschenseele auf der Straße ist. Zuerst denke ich mir, dass alle zu Hause das Ende der Pandemie feiern werden. Irgendwann bemerke ich jedoch, dass zwar die Straßenbeleuchtung eingeschaltet ist, dass aber in den Häusern nirgendwo Licht brennt. Es muss ein Zufall sein, denke ich. Vielleicht gibt es in der Hasen­leitengasse ein Problem mit dem Strom. Ich biege nacheinander auch noch in die Zamenhofgasse, die Friedjunggasse und die Konrad-Thurnher-Gasse ein. Es ist überall das selbe. Niemand ist auf der Straße und alle Wohnungen sind dunkel. Ich renne aufgeregt durch die Lorystraße und die Ewaldgasse, in der ich früher einmal gewohnt habe, aber auch hier ist es nicht anders. Ich fange zu grübeln an. Allmählich packt mich die nackte Panik, weil eine bestimmte Ahnung mich beschleicht. Kim ist mir eingefallen. Was ist, denke ich, wenn er die Neutronen­bombe schon abgeworfen hat, womöglich ausgerechnet über Simmering? Planlos wie ein kopfloses Huhn renne ich weiter durch den Bezirk, auf der vergeblichen Suche nach einem Gebäude, in dem Licht brennt und in dem Menschen zu sehen sind. Als ich die Weißenböckstraße erreiche, bin ich mir sicher, dass Kim die Simmeringer Bevölkerung ausgelöscht hat, während ich im Express aus Kärnten angereist bin. Ich schlucke und schluchze. So herzzerreißend traurig hätte ich mit das Wiedersehen mit der Heimat nicht gewünscht. So groß ist mein Schmerz über den Verlust meiner geliebten Mitmenschen, dass ich sofort wieder verschwinden will. Mit der Gewissheit des tausendfachen Todes kann ich hier nicht leben. Mit hängenden Schultern wandere ich sterbenselend durch die Weißenböckstraße in Richtung Norden. An der nächsten Kreuzung lenke ich meine Schritte in die Simmeringer Hauptstraße, in deren Verlauf ich wieder in die S-Bahn einsteigen will. Ich will zurück nach Gurk, will mein Kellerloch wieder aufmauern und mich in meiner Trauer für immer dorthin zurückziehen. Da höre ich auf einmal diffuse Geräusche, die von der gegenüberliegenden Straßenseite kommen. Und dann sehe ich Licht, das von Lichtmasten herunterstrahlt und mir wird klar, dass es das eingeschaltete Flutlicht auf dem Fußballplatz der Simmeringer Had ist. Schnell wechsle ich die Straßensteite und laufe zum Platz, und dann höre ich die ersten Gesänge aus vielen rauen Kehlen und ich denke mir, dass der Platz, der 5.000 Zuschauer fasst, gut besucht sein muss und ich hoffe, dass Kim die Bombe vielleicht doch nicht geworfen hat und dann sehe und begreife ich es endlich. Die gesamte Bevölkerung von Simmering hat sich um die Sportanlage geschart, die Menschen sind zusammengerückt, damit alle 100.000 Bewohner des Bezirkes Platz haben, und sie haben es geschafft, sie sind eng zusammengepfercht wie die Sardinen und bekommen kaum noch Luft, aber sie sind alle da, und ich stelle mich dazu, gerade noch rechtzeitig, weil ich dazu gehöre, und dann wird mir klar, dass alle gekommen sind, weil es das allererste Spiel ist nach der großen Pande­mie, und alle stehen wir zusammen wie ein Mann, und gemeinsam werden wir es schaffen, und der Schiedsrichter pfeift und frenetischer Jubel erhebt sich, während das Spiel beginnt. Wir spielen gegen Kapfenberg.

Michael, 17. April 2020

 

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