Der Flacon

Im Jahr 1742 erwarb er den Grad eines Doktors. Sofort beschloss er Priester zu werden, was seine Großmutter sehr goutierte. So kam es, dass er nach einiger Zeit nach Rom reiste. Es dauerte nicht lange und er lernte Papst Benedikt XIV. kennen. Sie plauderten längere Zeit sehr nett und er musste die gerade abgelaufene Fastenzeit nicht einmal mehr einhalten, so konnte er den Papst von seinen Anschauungen überzeugen. Selbst verbotene Bücher wurden ihm erlaubt. Alles lief bestens. Bei einem der folgenden Gespräche mit dem Papst entdeckte er an einem kleinen Holzregal auf der Seite einen Flacon. Sie sprachen über die Zukunft der Kirche und deren Machtausbau. Immer wieder zog der Flacon ihn in seinen Bann. Das Gefäß mit schmalem Hals war grün und hatte eine kleine Inschrift. Nach Beendigung des Gesprächs machte er sich wieder gut gelaunt in das Nachtleben von Rom auf. Es gab bereits so etwas wie Restaurants und die Männer ließen sich dort mit dem Essen viel Zeit und gaben sich auch in rauen Mengen dem Alkohol hin. Er war es aber gewohnt, schneller zu essen und Alkohol lehnte er eher ab. Nach wenigen Nächten war ihm klar, dass bis Mitternacht kaum Ehegatten zu Hause wären. Um sich etwas besser über Wasser zu halten, stieg er in das eine oder andere Anwesen ein. Die Erfolge waren bescheiden und auch diese Nacht war nur wenig zu holen, als er aber plötzlich von hinten mit höherer Stimme angesprochen wurde: „Erwischt.“. Er drehte sich langsam um und sah eine Dame in einem edlen Kleid, wohlriechend, was er bereits aus einiger Meter Entfernung wahrnehmen konnte und besten Alters. Er lächelte bei seiner Antwort: „Nicht doch, nicht doch.“. Er wäre nur ein Gesandter des Papstes, der nächtens nach dem Rechten sehen würde und moralische Verfehlungen ahnden würde. „Von moralischen Verfehlungen, mein Herr, gibt es in diesem Haus leider nichts zu berichten. Selbst mein Ehemann scheint aufgrund seines schweren Herzleidens leider dazu nicht in der Lage zu sein.“. Er ging einige Schritte auf sie zu und fixierte ihre Augen. Sie schaute leicht nach unten und er näherte sich wie ein Raubtier von der Seite in einem Winkel von 45 Grad. Er hauchte: „Ich kann ihnen helfen.“. Sie ließ ihre Hand in seine fallen und führte ihn in das Schlafzimmer. Sie verbrachten einige glückliche Stunden mit eben genannten moralischen Verfehlungen. Danach machte sie ihn schnell aufmerksam, dass er nun das Haus verlassen müsste, da ihr Ehemann jederzeit zurückkommen konnte. Als er die Haustür öffnete, stand jener tatsächlich vor ihm. „Alles in Ordnung, der Gesandte des Papstes ist zufrieden.“, meinte er und ließ den Ehemann mit offenen Mund stehen. Die Nacht war ganz nach seinem Geschmack und die Geschichte mit dem Gesandten des Papstes gefiel ihm durchaus und konnte wohl beliebig wiederholt werden. Das ging auch so eine längere Zeit gut, bis er eines Tages bei einer Dame mit seiner Geschichte auf Skepsis stieß. Er konnte diese zwar überwinden und war auch in jener Nacht in Liebesangelegenheiten äußerst erfolgreich. Als er aber bei der Verabschiedung einen grünen Flacon mit der gleichen Inschrift auf einem kleinem Tisch sah, den er auch bei den Gesprächen mit dem Papst entdeckt hatte, hatte er zurecht Bedenken. Am Morgen dauerte es keine zwei Stunden, als der Papst ihn sprechen wollte. Ihm wäre zu Ohren gekommen, dass er die Nacht nicht zum Schlafe nutze, sondern ehrbare Ehegattinnen aufsuchen würde, um sich mit diesen der Wollust hinzugeben. Letzte Nacht wäre er aber zu weit gegangen. Es handelte sich um eine vom Papst sehr geschätzte, dem Papst bestens bekannte Dame und so etwas würde nicht gehen. Überstürzt musste er unter hohem Druck Rom verlassen. Er war wohl dem falschen nächtens in die Quere gekommen und so machte sich Giacomo Casanova auf den Weg nach Neapel.

Harald, 17. April 2020

2 Kommentare zu „Der Flacon

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