Geisterstunde

Berthold Wandler wachte auf, rieb sich die Augen, spürte eine ungewöhnliche Kälte und schaute auf die Wanduhr. Es war 0.00 Uhr. Seine Frau schien tief zu schlafen und er wollte sich gerade wieder in die Decke einwickeln, als er ein lautes Geräusch vernahm, das aus dem Erdgeschoss zu kommen schien. Seine Frau hatte ihn immer wieder gewarnt, dass er dieses Schloss nicht kaufen sollte und es kostete ihn viel Überzeugungskunst, dass sie überhaupt eingezogen waren. Die vielen vorkommenden Merkwürdigkeiten konnte er geschickt vor seiner Frau verbergen. So lächelte ihn eine Replik der Mona Lisa an, der Esstisch schwebte kurzzeitig fünfzehn Zentimeter in der Luft, gerade als seine Frau den Raum verlassen hatte und manchmal spürte er plötzlich aufkommenden starken Wind in der Schlossvinothek, wobei er sich da nicht ganz sicher gehen konnte, ob das nicht doch dem Rotwein zuzuschreiben war. Er ging nach unten. Alles schien ruhig zu sein, wobei es auch hier alles andere als warm war. Gerade als er wieder nach oben gehen wollte, sah er eine weiße Frau aus dem Bibliotheksraum kommen. Das Hauspersonal kannte er gut und zu diesem gehörte diese Erscheinung definitiv nicht. Sie war fast durchsichtig, bewegte sich völlig lautlos und wirkte wie aus der Zeit gefallen. Er fragte: „Gute Frau, Sie haben sich wohl heute Nacht verirrt. Wie kann ich Ihnen helfen?“. „Mein Name ist Kunigunde, ich bin auf der Suche nach Zawisch von Falkenstein.“, antworte sie. Sie führte weiter aus, dass dieser vermutlich in seinem Schloss als unerlöster Geist umherirrte, meist tagsüber, da er nächtens zu große Angst hätte. Sie hätte schon hunderte Jahre nach ihm gesucht und sei sich nun sicher, dass er ganz in der Nähe wäre. Aber sie könne ihn tagsüber nicht suchen, zu grell wäre das Licht. Berthold kombinierte schnell und war sich sicher, dass Zawisch für den Spuk tagsüber zuständig war. Seiner Frau berichtete er von diesem kleinen nächtlichen Vorfall nichts, schließlich wollte er sie nicht unnötig beunruhigen. Seine Frau war eher von einem vorsichtigerem Gemüt, da hätte der Bericht von einem Geist wohl schon gereicht, vom Zweiten gar nicht zu reden. Als er am nächsten Tag die Schlossvinothek aufsuchte und einen Rotwein namens „Phantom“ öffnete, passierte zunächst nichts. Beim dritten Glas begann es wieder zu stürmen. Er setzte sein Glas am Tisch ab und sagte mit ruhiger, aber bestimmter Stimme: „Zawisch, mein lieber Zawisch, so geht das nicht.“. Kaum er hat den Satz beendet sah er vor sich eine männliche Gestalt, nicht allzu groß, die sich ihm näherte. „Was, bitte was geht so nicht?“, antworte die Gestalt fragend. „Du kannst nicht tagsüber in meinem Schloss herumspuken, ich bin schließlich verheiratet und meine Gattin ist gegenüber solchen Phänomenen nicht gerade aufgeschlossen.“, meinte Berthold. „So, so, du bist also verheiratet. Dann weißt du ja Bescheid. Ich bin auf der Flucht vor meinen drei Ehefrauen, die anscheinend nur ich erlösen kann.“, zog die Gestalt Berthold ins Vertrauen. Er müsste ihm helfen, weil er das Gefühl hätte, dass ihm schon wieder eine auf den Fersen wäre. Berthold, der mit Geistern bisher kein Erfahrung hatte, wusste auch nicht, was zu tun wäre. Er dachte den ganzen nächsten Tag darüber nach und hatte bei Anbruch der Dunkelheit endlich eine Idee. Punkt Mitternacht läutete der Wecker, den er sofort ausmachte, um sofort nach unten zu gehen. Er traf wie erwartet auf Kunigunde, die wieder auf der Suche nach Zawisch war. Er eröffnete: „Zawitsch, ja Zawitsch spukte hier früher mal tagsüber, aber als seine vierte Ehefrau, die er erst nach seinem Tod heiratete, auftauchte, hat er die Flucht Richtung Rumänien ergriffen.“ Kunigunde rang um Luft, zumindest sah es so aus, und war außer sich vor Wut. „Dieser elendige Windhund, dieser Pfiffikus, dieser dämliche Stenz, wenn ich den erwische“, zischte sie in einer Weise, die durch Mark und Bein ging. Sie wollte gerade durch die Mauer hinaus laufen, als Zawisch aufwachte und aufgrund des Sirenenklangs ängstlich aus der Bibliothek wankte. Als er Kunigunde sah, wollte er noch schnell umdrehen, aber es war zu spät. Kunigunde stand vor ihm und stellte Zawisch zur Rede. Zawisch stammelte Unverständliches. Kunigunde sah ihn an, erinnerte sich an früher und konnte ihm nicht mehr böse sein. Sie umarmte ihn und in dem Moment war sie erlöst und löste sich in Luft auf. Verblüfft blieb Zawisch zurück. „Berthold, du bist der Größte. Ich weiß nicht, wie du das gemacht hast, aber es ist großartig“, meinte Zawisch. Bertholds Plan war zwar ein anderer, aber Zawisch war zufrieden. In den nächsten beiden Monaten wurde Zawisch auf gleiche Weise auch Ehefrau Nr. 1 und Nr. 3 los. Zawisch richtete sich inzwischen in der Schlossvinothek ein und gemeinsam leerten sie Abends meist eine ganze „Phantom“-Flasche. Leider war Zawisch einmal nach einem längeren Abend so ungeschickt, dass er im Esszimmer von Bertholds Frau erwischt wurde. Diese hatte für den Geist, der sich als Freund ihres Mannes ausgab, nur geringes Verständnis und Berthold musste nun das Schloss verkaufen. Berthold erstand ein schönes, durchaus preiswertes Landhaus, dessen Besitzer, ein jüngeres Ehepaar, nach dem sie einen Geist gesehen hatten, überhaps verkauft hatten. Zawisch versprach ihm, ihn im neuen Zuhause zu besuchen, was Berthold aus bekannten Gründen aber ablehnte. Stattdessen trafen sie sich täglich in der Dämmerung in einer Schrebergartensiedlung, in der beide nicht weiter auffielen.

Harald, 15. Mai 2020

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