Mangel

Nach langwierigen Recherchen habe ich in der Walachei eine historische Wä­schemangel aufgetrieben, die ich mir um ein Heidengeld frei Haus in meine Ga­rage liefern lasse. Die Geschäftigkeit der Packer, die das Gerät in der Nacht zu vorgerückter Stunde abladen, ruft sofort den Nachbarn Wampeck auf den Plan, dem nichts von dem entgeht, was in unserer Straße geliefert wird. „Schickes Maschinchen“, lobt Wampeck meine neue Errungenschaft und betritt meine Ga­rage, ohne dass ich ihm die Erlaubnis dazu erteilt hätte. „Eine Kaltmangel oder eine Heißmangel?“ „Meine Güte, wenn du das nicht siehst, Wampeck, dann bleib dem Gerät lieber fern!“ „Eine Kaltmangel ist es!“, schnaubt Wampeck. „Wundert mich nicht, dass sie das Ding einem Versager wie dir angedreht haben!“ „Paß auf, was du sagst, Wampeck!“, rufe ich. „Sonst drehe ich dich so durch die Mangel, dass dein Bauch danach einen halben Kilometer breit ist.“ Ich mustere ihn ab­schätzig. „Obwohl es eigentlich gar nicht nötig ist“, grinse ich. „Es fehlt ja jetzt schon nicht viel auf einen halben Kilometer.“ Wampeck, der es hasst, wenn man sich über seinen Bierbauch lustig macht, springt mir sofort an die Gurgel und beginnt mich würgen. „Lass mich los, du an Sohnes Statt aufgezogene Nachge­burt eines Holzpflocks und einer räudigen Bergziege!“, rufe ich röchelnd. Mein spontan gefasster Plan geht auf. Wampeck wird durch meine Schmähung leichtsinnig. Ich bekomme seine Krawatte zu fassen, die ich blitzschnell zwischen die beiden Walzen der Mangel stecke. Dann beginne ich an der Kurbel zu drehen. Wampecks Schlips wird so weit in die Maschine hineingezogen, dass Wampeck von meinem Hals ablassen muss, um seinen eigenen zu retten. Es ist allerdings zu spät für ihn. Meine Wut und mein Zorn verleihen mir so gewaltige Bärenkräf­te, dass es mir gelingt, Wampecks massigen Leib komplett durch den schmalen Spalt zwischen den beiden Walzen zu mangeln. Am Ende ist er platt wie ein Steinbutt, aber leider nicht mehr am Leben. Für mich gibt es in dieser Situation trotz der nächtlichen Stunde keine Ausflüchte. Ich läute sofort bei Elvira, Wam­pecks Gattin. „Elvira, ich habe deinen Mann totgemangelt“, gestehe ich frei her­aus, als sie mit Lockenwicklern auf dem Kopf in der Tür erscheint. „Es tut mir leid!“, murmle ich und korrigiere mich einen Augenblick später. „Nein, es tut mir nicht leid. Irgendwann musste es so kommen. Irgendwann musste es heißen: Er oder ich. Und jetzt heißt es eben: Ich.“ Da bricht es aus Elvira heraus. Alle ihre jahrelang zurückgehaltenen Gefühle bahnen sich plötzlich einen Weg heraus aus ihrer Seele, schießen wie ein Sturzbach an die Luft. Ich sehe Elvira an und meine zuerst, dass sie schluchzt und weint vor Gram und Trauer, aber dann erkenne ich, dass sie herzlich lacht und dass dicke Freudentränen über ihre Wangen kullern. Sie nimmt mich an beiden Händen und sagt: „Danke, August, danke, dass du mich endlich erlöst hast, von diesem Scheusal!“ Erleichtert trete ich verlegen von einem Bein auf das andere und bemerke, wie Elviras Miene sich von einem Augenblick auf den anderen wieder verfinstert. „Mein Gott“, denke ich. „Sie ist wohl doch tieftraurig. Es war nur der Schock, der sie so irre lachen hat lassen.“ „Dieser gierige Lump!“, schimpft Elvira auf einmal zu meinem Erstaunen. „Erst gestern hat er sich eine ganze Wagenladung Bier liefern lassen. Was soll ich damit nun machen, jetzt, wo er tot ist?“ Ich streiche ihr sanft über ihre Locken­wickler. „Das könnte ich doch trinken“, flüstere ich und Elvira nickt. Ich nehme sie an der Hand und führe sie in meine Garage, damit sie mir hilft, ihren toten Mann zu entsorgen.

Michael, 22. Mai 2020.

3 Kommentare zu „Mangel

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