Totenbeschwörung

Sie werden glauben, mit Toten kann keiner der Lebenden reden. Ich kann Sie verstehen, das habe ich auch sehr lange gedacht. Nekromantie ist doch Aberglaube, reine Mythologie, Teiresias hat vielleicht die Tat des Ödipus aufklären können, indem er den toten Laios beschwor. Doch das ist – wenn es jemals stattgefunden hat – doch ewig her. Warum also mit so etwas seine Zeit verschwenden? Eigentlich wollte ich das auch gar nicht, es begann alles ganz harmlos und hatte vor allem nichts mit Nekromantie bzw. konkrekt mit Scyomantie, zu tun. Die Abende wurden lauer, das Sitzen draußen immer angenehmer. Ich saß auf der Terrasse und zündete die Kerzen auf dem Kerzenständer an. Daneben gab ich ein paar Äste eines blühenden Hibiscus in eine Vase. So konnte der Abend gemütlich ausklingen, mit einem guten Buch – der Titel lautete „Die Wahrheit im Morgenlicht“ – und einem Glas Soda-Wasser. Es war nicht einmal Alkohol im Spiel, der irgendetwas erklären hätte können. Ich war auf der Bank eingeschlafen, als ich ein deutliches Zischen vernahm. Es hörte sich an als würde ich gerade das Wasser mit Soda versetzen. Ich schaute zuerst auf mein Glas Wasser, ob es aus unerklärlichen Gründen sprudelte, was aber nicht der Fall war. Dann sah ich den Kerzenständer, die Flammen flackerten deutlich, trotz völliger Windstille. Ich rieb mir die Augen, es entstand direkt neben den Kerzen ein Nebel. Sofort habe ich mich aufgerichtet, war jetzt ganz wach. Im Nebel waren drei Augen erkennbar und ich ging in die Offensive: „Was soll das werden, bitte!?“. Ich versuchte so gut es ging höflich zu bleiben, schließlich konnte Gefahr davon ausgehen. „Du elender Dummkopf, trinkst Wasser, liest mein schlechtestes Buch, das ich nie veröffentlicht hätte und hockst selbstgefällig auf deiner Bank.“, kam es aus dem Nebel zurück. „Wieso hast du drei Augen?“, fragte ich und wusste auch nicht, warum ich das jetzt wissen wollte. „Schon mal was von drei Tage Sturm gehört?“, forderte mich die Stimme im Nebel auf, zu antworten. „Nein, hört sich nach einem ziemlichen Unwetter an.“, war meine Feststellung. „So eine Scheiße, warum bin ich ausgerechnet bei dir gelandet. Aber jetzt, wo ich schon mal hier bin, will ich dich aufklären, du Unfähiger, vermutlich zu blöd eine Dirne zu…, na egal.“, eröffnete er und führte fort (die viel gebrauchten Schimpfwörter habe ich aus Gründen der Lesbarkeit im Folgenden weggelassen): „Liebe, wenn du etwas über Liebe lernen willst, musst du mein Buch Drei Tage Sturm lesen. Das sind meine Erlebnisse, alles echt, nichts übertrieben, auf keiner Bank gesessen und Wasser getrunken. Ein trockener Martini, eine Zigarre von Don Alejandro Robaina und irgendeine schöne Frau. Bezahlt habe ich nur dafür, dass sie wieder gehen, nie dafür, dass sie bleiben. Ich war lebendig. Und jetzt sehe ich Dich, auf einer Bank, selbstgefällig, schreibst in irgendeinem – wie sagt ihr heute dazu – Blog, bist schon lange tot.“. „Nein, ich lebe doch…“, unterbreche ich, werde aber sofort wieder mit einem lauten Lachen unterbrochen: „Du lebst, du Toter, du willst vielleicht leben, aber du kannst nicht auf einer Terrasse in einem Einfamilienhaus herumsitzen und das auch noch als Leben bezeichnen. Ich will und das nur weil ich heute einen guten Tag habe, Dir drei Dinge mitgeben.“. Ich werde hellhörig, das Gespräch entwickelt sich in eine gute Richtung, abgesehen davon, dass ich in jedem Satz mit meist mehreren Schimpfwörtern bedacht werde. Mit „Erstens trinkst Du regelmäßig in einer netten Bar mit schönen Frauen einen Cocktail deiner Wahl und unterhältst dich mit interessanten Menschen“, stellt er mich bereits vor eine Herausforderung, was würde wohl meine Frau dazu sagen, ich wage aber nicht ihn zu unterbrechen. „Zweitens besorgst du Dir morgen ein paar richtig gute Zigarren“, gibt er einen weiteren Tipp, um mich mit „Drittens, Drittens, Drittens ist das Wichtigste! Du schreibst – merke Dir das wirklich gut – Du schreibst – hörst du zu?“ auf die Folter zu spannen. Ich antworte schnell: „Ja, ich bin ganz hellhörig.“. Er schaut mich mit seinen drei Augen abfällig an und verrät mir dann doch seinen dritten Punkt: „Du schreibt einen wahren Satz.“. Danach fing es wieder zu zischen an und der Spuk war zu Ende. Seither versuche ich das zu beherzigen, die beiden erstgenannten Empfehlungen sind relativ leicht umzusetzen, auch das mit der Bar, den schönen Frauen und spannenden Gesprächen gelingt manchmal, wenn auch schon deutlich schwieriger als mit den Zigarren. Aber dieser letzte Punkt, eigentlich etwas Einfaches, ist die ultimative Herausforderung. Dieser eine wahre Satz, dieser begleitet mich, ein wahrer Satz, ich bin mir sicher, ich werde ihn finden. Schließlich bin ich es Hemingway schuldig.

Harald, 29. Mai 2020

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