Der Keller

Tief, modrig, dunkel, eng, schlichtweg der Ort zum Wohlfühlen. Kein Empfang, keine Erreichbarkeit, nichts konnte stören. Nach dem Hinabsteigen der Stufen schaltete Gustav die Taschenlampe aus. Er nahm den Notizblock und begann in völliger Finsternis zu schreiben. Früher über Männer und Frauen im Keller, hingefallen, noch nicht aufgestanden, ängstlich, auf eigene Art lebendig, besonders. Seit wenigen Monaten war der Keller anders geworden, er nahm es anfangs gar nicht wahr, aber seine vollgeschriebenen Notizblöcke zeigten andere Männer und Frauen. Menschen, die im Keller ihre Neigungen und Obsessionen ausleben, machtvolle Rituale, Unterwerfung, Schweiß ohne Angst. Menschen, die den Keller bewusst aufsuchten, nicht unbeabsichtigt dort landeten. Irgendetwas war passiert, die Wirtschaft stotterte, die Aktienkurse ebendort, der unsichtbare Feind musste im Keller besiegt werden. Die Gefechte wurden von Tag zu Tag härter, viele Neigungsgruppen, jede Nacht andere Spiele, chaotisch, tiefgründig. Gustav traute sich gar nicht mehr, irgendjemanden etwas davon zu erzählen, geschweige denn seine Notizen zu veröffentlichen, hörte schließlich auf zu schreiben, so abgründig war sein Keller bereits geworden. Dann meldete Er sich. Er war vielleicht schon vorher da, schon immer im Keller gelebt. Unscheinbar oder gar den Keller geleugnet. Tagsüber hatte Er alle Macht, sein Glaube an ihn selbst war zu dieser Zeit unerschütterlich, Er allein kannte den Weg. Im Keller war es dann anders, eine Konversion, Er war nicht mehr Er und gerade aus diesem Grund war Er er, kleiner und doch größer. Menschsein, Schattenseiten, Zweifeln, das durfte im Keller stattfinden. Langsam begann er den Keller zu schätzen, dazu bekennen konnte Er sich verständlicherweise nicht, war nicht zwingend notwendig. Mitspielerinnen, Erregtheit, Freiheiten, Gefühle, er lebte das Leben im Verborgenen. Sein Verhalten am Tage begann sich dadurch langsam zu normalisieren, Er lebte eine neue Normalität. Die Masken wanderten wieder in die Nacht, in den Keller, dort wo sie schon immer oft getragen wurden. Die Nacht war wieder da, ganz finster, wechselte von türkis zu schwarz, konservativ, im Geheimen liberal, hohe moralische Ansprüche, süße nächtliche Verfehlungen, Verständnis, keine letztgültige Wahrheit, keine Wut. Gustav begann wieder, auf seinem kleinen Notizblock im finsteren Eck des Kellers seine Gedanken zu Papier zu bringen.

Harald, 05. Juni 2020.

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