Eigene Gesetze

Es liegt hinter der bürgerlichen Vorstellung. Tagsüber werden Gesetze und Verordnungen erdacht und verabschiedet. Die großen Verfassungsentwürfe fehlen schon lange, Hans Kelsen kennt keiner mehr. Kelsen, ja Kelsen, der hat noch die Nacht mitbedacht. Da sind Freiräume enthalten, ein intelligentes Spiel der Gewalten, durchdachte Aufteilungen zwischen Bund und Ländern. Heute wird festgeschrieben, was im hellen Licht gesehen und gedacht werden kann. Auch die Volksbegehren sind in sonderbarer Sprache gehalten und fordern einfache, helle Lösungen. Freemann ging langsam die Straße hinunter, Ziel war eines seiner Lieblingslokale. Im „Nachtgesetz“ bestellt er einen Single Malt Whiskey, einen 16 Jahre alten Lagavulin. Rauchig, hart, so schmeckt der erste Schluck. Die Kellnerin brachte ihn auf den neuesten Stand, es schienen wieder irgendwelche Volksbegehren zu laufen, von „Smoke – Ja“, über „Smoke – Nein“ bis zu einem Klimathema. Allein die Namensgebung ließ auf nichts Gutes hoffen, Tagträume, Vorschriften für Kleinbürger. In dieser Welt gibt es „Ja“ und „Nein“. Dazwischen ist es kaum auszuhalten, löst diffuse Ängste aus, wird daher vermieden. Freemann lächelte, als ihn eine attraktive Frau neben ihm fragte, ob es ihn denn störe, wenn sie eine Zigarette rauchen würde. Er antworte wahrheitsgemäß: „Nicht bei ihnen.“. Das ist es doch, nicht klar, die Eine darf, der Andere aber nicht. „Quod licet Iovi, non licet bovi.“, dachte er kurz, auch wenn sie eher von der Venus zu stammen schien. Ein Geschöpf, das nur in der Nacht zur Entfaltung kommen konnte. Rote Lippen, ein genussvolles Ziehen an der Zigarette, um anschließend lächelnd alles zu sagen. Wortlos rückte er sein Glas zu ihr, sie nippte, meinte nur: „Eine flüssige Zigarette.“. Freemann wusste sofort, dass er dieses Wort tagsüber nie erwähnen darf, würde wohl sonst auch noch Bestandteil eines Verbots. Sie tauschten sich aus, warfen sich vielsagende Blicke zu, verschwanden kurz nach Mitternacht gemeinsam. Danach war alles klar, ohne Worte, ohne „Ja“ und „Nein“. Aufregende Juninächte, jenseits normaler Träume und Moralvorstellungen, für viele undenkbar, danach die Auflösung, meist kein Wiedersehen. Freemann stand heute früher auf, wollte die Frohnleichnamsprozession nicht versäumen oder war es doch die anschließende Agape, die ihn seine Frömmigkeit entdecken ließ. Bei der Agape gesellte er sich zu einem Tisch, um sich ein wenig zu unterhalten, die Welt des Tages sollte doch auch Bestandteil sein. Es Volksbegehren diskutiert, Kaffee und Kuchen schmeckten trotzdem und er wollte gerade aufstehen, um sich noch ein Mineralwasser zu holen. Da vernahm er die Stimme: „Ich rauche nie.“. Er erkannte sie sofort wieder, die attraktive Frau aus dem „Nachtgesetz“. Als er zurück am Tisch war, spielten ihre beiden Kinder im Garten und ihr Mann unterhielt sich mit einigen Mitglieder des Kameradschaftsbundes. Er antworte leise „Und Ich trinke nie.“ und beide lächelten sich unbemerkt für einen Augenblick an. Nachtgesetz, kein Thema für den Tag.

Harald, 12. Juni 2020

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