Wiener Nächte

Die ersten Mitglieder trafen gegen 20.00 Uhr ein. Eine Stunde später begann der Präsident mit den Grußworten. Insgesamt waren etwas mehr als 30 Personen diesen Abend im ersten Bezirk anwesend. Im Club stand die Gesundheit an oberster Stelle und so hatte heute ein Mediziner, der schon elf Jahre ordentliches Mitglied war, die Ehre, über die Geheimnisse eines langen Lebens zu berichten. Die etwas in die Jahre gekommene Zuhörerschaft lauschte konzentriert den gewichtigen Worten. Vom Nichtrauchen, Nichttrinken, viel Schlaf, ausreichender Bewegung, Halten des Normalgewichts (hier schmunzelte der Vortragende aufgrund seiner Körperfülle etwas) und einer neuartigen App, die diesbezüglich Unterstützung bieten konnte, war die Rede. Am Ende gab es laute Beifallsstürme und viele waren sich sicher, ihr Leben ab sofort dem langen Überleben zu widmen. Aktuell – so der Mediziner noch hinzufügend – wäre auch aufgrund eines grassierenden Virus ein Abstand (er hat zuerst zur Erheiterung vieler Anstand gesagt und sich schnell korrigiert) angebracht. Die klaren Vorsätze hielten bis zur Nachspeise, einer Original-Sachertorte mit viel Schlagobers. Selbst der Mediziner bestätigte durch die Ausnahme die Regel. Da der kredenzte Weißwein von besonderer Güte war, ein Ried Edelschuh von Wohlmuth, musste ein weiter Aspekt des langen Lebens in dieser Nacht weichen. Da es eigentlich jetzt auch nicht mehr so wichtig war, griffen einige zur Zigarette und einer gleich zu einer Zigarre, die einen entsprechenden Whiskey als Begleitung tunlichst benötigte. Als sich das erste Viertel um 0.30 aufbrach, um den Schlaf in halbwegs ausreichender Weise zu genießen, war die Verabschiedung mit vielen Bussis und Körperkontakt wieder eher kontraproduktiv. Der Rest wechselte das Lokal, das mit einer bekannten App rasch gefunden wurde, die andere auch sofort auf ihr Mobiltelefon installieren wollten. Bei der Gelegenheit hatte aber keiner die Gesundsheits-App heruntergeladen, weil auch der Mediziner den genauen Wortlaut dieser App nicht mehr wiedergeben konnte. Um 02.30 wechselten sie wieder die Location mittels Taxi, da die Unfallgefahr auf einem 700 Meter weiten Fußmarsch in diesem Zustand zu hoch erschien. Es war noch immer die Hälfte der ursprünglichen Teilnehmer anwesend. Um 04.00 machten sich dann doch viele auf den Heimweg und ein Grüppchen mit fünf Männern, darunter der Mediziner, waren übrig geblieben. Sie beschlossen eine Bar in Ottakring mit erweiterten Dienstleistungen aufzusuchen und erst um 06.30 löste sich diese Restgruppe auf. Als der Mediziner zuhause ankam und mit der Zeitung das Haus betrat, fragte ihn seine Frau, ob er denn heute schon früh aufgestanden wäre und wie denn der gestrige Vortrag angekommen wäre. Er antwortete, dass dieser mit tosendem Applaus bedacht worden, er aber auch leichte Zweifel im Bereich der nachhaltigen Änderung des Lebensstils bei der Zuhörerschaft hätte. Als er um 09.30 seinem ersten Patienten das Blutbild erklärte, dachte er zuerst, dass etwas weniger Alkohol und etwas mehr Bewegung doch Besserung bringen könnte, sagte aber, dass das Leben doch genossen werden sollte und er sich beim Patienten diesbezüglich keine Sorgen machte.

Harald, 26. Juni 2020

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