Leben ohne Tag

Nachdem sich Viktoria von ihrem Freund getrennt hatte, fiel sie in ein Loch. Fast keine Freundinnen, einen wenig anspruchsvollen Job und noch keine neue Wohnung. Die Nächte im Hotel waren furchtbar, an Schlaf kaum zu denken. Nach wenigen Wochen fand sie aber ein kleines Blockhaus, weit außerhalb der Stadt, günstige Konditionen, netter Vermieter, genügend Abstand zu den Nachbarn. Der Wendepunkt war geschafft, sie kündigte ihren Job und war offen für Neues. Tagsüber passierte nichts, im kleinen Ort fand sie kaum Beachtung und so mancher würdigte sie nur eines mitleidigen Blickes. Das „arme Hascherl“ – so wurde sie nach kurzer Zeit genannt – spazierte immer weniger durch den Ort. Sie hatte am Tag wenig Energie und schlief oft. Kaum wurde es Nacht, sprühte sie vor Ideen. Sie schrieb kurze Texte, nahm seit Ewigkeiten die Gitarre zur Hand und schrieb erste Lieder. Wenn sie erst am späten Nachmittag mit noch verschlafenem Blick Einkaufen ging, wunderten sich manche, was sie den machen würde. In den Nächten arbeitete sie intensiv an den Textzeilen und Melodien. „Es ist ein Leben ohne Tage, keine Regung im Licht, aber im Dunkeln eine ganz andere Lage, echte Liebe und eine neue Sicht.“, war der erste Entwurf. Sie wusste, das geht noch besser. „Du lebst ohne Tage, bist nicht wie die Anderen, kennst deinen Traum, weichst nicht ab und erkennst nun deine Lage.“, textete sie weiter. Nach neun Nächten war der erste Song „Leben ohne Tag“ fertig. Elf weitere folgten innerhalb von zwei Monaten. Das Album trug den Titel angelehnt an den ersten Song „Leben ohne Tage“, das Cover zeichneten ein paar Nachbarskinder. Im Ort wurden ihr nächtliche Ausschweifungen unterstellt, würde die Jugend gefährden. Vor allem passten die Frauen auf ihre Männer auf und zogen sie schnell weiter, wenn sie Jessica – so ihr neuer Künstlername – sahen. Sie spürten immer mehr ihre Kraft, das Mitleid war verflogen und in diesem Land ist es dann zum Neid nur ein kurzer Weg. Sie suchte eines Tages einige Komparsen, um im Haus ein nächtliches Video zu drehen. Das heizte die Gerüchteküche nochmals ordentlich an, schließlich wusste die Bevölkerung sofort, dass es sich hier nur um einen Pornodreh handeln konnte und Jessica als Prostituierte ihr Leben bestritt. Nach zwei Wochen zog Jessica um, es war ihr aufgrund der Anfeindungen zu blöd geworden. In Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf blieb sie hängen, schöne, große Wohnung. Da war ihr erstes Video bereits mehr als zehn Millionen mal angeklickt worden. Konzerte folgten, Interviews, die nachdenklichen Texte begeisterten den Feuilleton. Der ehemalige Vermieter vermarktete das Haus der ehemaligen, nun berühmten Mieterin als „Haus ohne Tag“ und der ganze kleine Ort hatte bei Reporteranfragen schon immer an die große Karriere geglaubt und das Talent frühzeitig erkannt. Nur die Männer hatten das Pech, dass sie die Videos von Jessica erst dann sehen konnten, wenn ihre Frauen schliefen.

Harald, 03. Juli 2020.

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