Machtwechsel

Kloninger, der mit Leib und Seele Bürgermeister war, wünschte sich nichts sehnlicher als seine kommunale Macht dynastisch abzusichern. Zu seinem Leidwesen wollte seiner Leibesmitte jedoch kein geeigneter Beitrag entspringen, wie heftig Kloninger mit seinem Zeugungswerkzeug in den ver­schiedensten Partnerinnen auch umrührte. Er blieb also kinderlos.

Schließlich trat er in einer nächtlichen Sitzung des Gemeinderates die Flucht nach vorne an und suchte die trotz der späten Stunde vollzählig versammelten Mitglieder davon zu überzeugen, dass erstmals ein Hund das Bürgermeisteramt übernähme, wenn er, Kloninger, einmal nicht mehr sei. Er sei absolut sicher, dass sein Dackel Hasso die allerbesten Voraussetzungen mitbrächte, um die Kommune bürgernah und sparsam zu regieren.

Grundsätzlich sei ein tüchtiger Hund in der Lage, die Gemeinde souverän zu führen, erwiderte der Ratsvorsitzende Klingsohr, dem selbst heimliche Ambitio­nen auf das Bürgermeisteramt nachgesagt wurden. Er, Klingsohr, sei jedoch der Ansicht, dass nur ein Rassehund mit einwandfreiem Stammbaum die nötigen Führungsqualitäten aufweise. Seines Wissens trage der vorgeschlagene Dackel Hasso jedoch ein Sammelsurium von Hundegenen aus aller Herren Länder in sich, die von verantwortungslosen Vagabunden in die Ahnenreihe von Klonin­gers Hund eingeschleust worden seien.

Kloninger, der aufgrund der erhofften Müdigkeit der Anwesenden nicht mit nennenswertem Widerstand gegen seinen Vorschlag gerechnet hatte, geriet in Rage. Wer seinen Hasso einem Straßenköter gleichsetze, blaffte er, der sei ein Lump.

Die Diskussion nahm Fahrt auf. Sie besitze einen holländischen Mops, rief die Vizebürgermeisterin Flobert dazwischen, der auch regieren wolle. Der sei doch mit seiner deformierten Schnauze so kurzatmig, konterte Kloninger, dass er schon bei der ersten Sitzung aus dem Lederfauteuil kippe, wenn es in einer Debatte ein wenig heftiger zur Sache ginge. Ein Ausländer sei er als Holländer auch noch.

Ihr Mops, erwiderte die Vizebürgermeisterin, besitze einen Stammbaum, der sich auf jenes Mopspaar zurückführen ließe, das nach der Sintflut die Arche Noah verlassen hätte. Ihr Hund sei als Bürgermeister also überqualifiziert und könne die Kommune deshalb sogar wie ein Aristokrat als ein Graf oder Baron lenken.

Es stehe nirgendwo geschrieben, brachte sich der Ratsvorsitzende Klingsohr erneut ins Gespräch, dass das nächste Bürgermeistertier unbedingt ein Hund sein müsse. Deshalb erhebe er, Klingsohr, nun im Namen seines Leguans Rudi ebenfalls offiziell Anspruch auf den Bürgermeistersessel. Damit der Gemeinde­rat sich gleich ein Bild machen könne, habe er das Tier samt Terrarium gleich mitgebracht. Er holte das Reptil heraus und präsentierte es dem Gremium.

Kloninger und die Vizebürgermeisterin Flobert hatten ihre Tiere ebenfalls da­bei. Nachdem die beiden Hunde den Leguan entdeckt hatten, bellten sie ihn zu­erst tüchtig aus und jagten ihn, nachdem Rudi zunächst keine Reaktion gezeigt hatte, quer durch den Sitzungssaal und schließlich hinaus auf den Gang, gefolgt von den jeweiligen Tierbesitzern. Das wilde nächtliche Treiben, das kein Ende nehmen wollte, ließ keine der zahlreichen Amtsstuben aus.

Nach Mitternacht nutzte der stille Kommunist Maser, der die Geschäftsordnung jahrelang akribisch studiert hatte, schließlich die unvorhergesehene Abwesen­heit der bisherigen Amtsträger im Sitzungssaal eiskalt aus, setzte eine Abstim­mung an und ließ von den verblüfften Gemeinderäten seinen Ameisenbären Fritz zum neuen Bürgermeister wählen.

Michael, 03. Juli 2020.

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