Die Reise ins Innere

Aus bestimmten Gründen war das Reisen ins Ausland temporär nicht mehr möglich bzw. sehr stark eingeschränkt. Da ich nicht komplett auf einen Aufenthalt in mir unbekannten Gefilden verzichten wollte, beschloss ich nächtens ins Innere meines Körpers zu reisen. Dort war ich vorher noch nie und um 23.00 Uhr wollte ich starten. Da mir Erfahrung fehlte, wusste ich nicht, welches Verkehrsmittel am geeignetsten wäre. Das Flugzeug schien mir für die knappen 1,80 m übertrieben, zu Fuß wollte ich aber auch nicht unterwegs sein. Bei Gefahr sollte eine Flucht schnell möglich sein. Ich beschloss mit dem Fahrrad, das über elf Gänge verfügte, die Reise zu absolvieren. Ich startete beim Punkt „Bai Hui“, den ich aus meinen Tai Chi – Übungen kannte. Dieser befand sich am Scheitelpunkt des Schädels. Die Gehirnwindungen des Großhirns bestätigten mich in der Verkehrsmittelwahl. Es ging bergab, bergauf und viele Kurven später gelangte ich zum Kleinhirn. Dieses reagierte auf mein Kommen und wurde sofort aktiv. Da ich aber Fahrrad fuhr, konnte ich nicht gleichzeitig ausmachen, was dort überhaupt vor sich ging. Als ich plötzlich in einem heftigen Downhill mit dem Fahrrad die Speiseröhre hinunter presche, war ich wieder halbwegs klar bei Sinnen, wusste aber nicht, wie ich dorthin gekommen war. Ich schaute einen Abstecher bei der Lunge vorbei, dort zog es mir zu viel, beim Herz, hier war es mir zu rastlos. Bei der Leber hätte es mir so weit schon gefallen, um einen längeren Aufenthalt zu genießen. Aber diese hatte schon deutlich bessere Zeiten gesehen, also beschloß ich, weiterzufahren. Im Magen, den ich als nächstes ansteuerte, befanden sich ein paar schwere Brocken. Da ich schon mal hier war, zerkleinerte ich diese, was mir als sehr sinnvoll erschien. Die Reise hätte im Darm enden können, das bergauf und bergab samt spannenden Kehren erinnerte an den Beginn der Reise im Gehirn. Ich war schon guter Dinge, dass sich Anfang und Ende gleichen würden und machte mich auf das Ende der Reise gefasst. Aus unerklärlichen Gründen kam ich aber von der Strecke ab und landete nicht über den Punkt „Hui yin“ ins Freie. Stattdessen fiel ich in den Hoden und musste mich über einen steilen und beschwerlichen Anstieg wieder nach oben kämpfen. Es kam dann eine Abfahrt in der Harnröhre, hier durfte ich wirklich keine Platzangst haben und mit einem Sprung war ich wieder im hier und jetzt. Es war 0.45 und ich war soweit zufrieden. Was dann folgte, konnte ich mir selbst nicht erklären. Vermutlich war das Großhirn durch die Durchfahrt mit dem Fahrrad doch etwas in Mitleidenschaft gezogen worden. Dafür aber war beim Ende der Reise der Schwellkörper unbeabsichtigt aktiviert worden. Ich konnte in dieser Lage gar nicht anders, als das Fahrrad aus der Garage zu holen und die zwei Kilometer lange Strecke zur Nachbarin so schnell wie möglich zurückzulegen. Ich läutete Sturm. Das ich nur mit einem Pyjama (kurze Hose) bekleidet war, fiel mir auch nicht weiter auf. Sie öffnete nach kurzer Zeit und schaute mich etwas entgeistert an. Als ich mich schon fast ganz entkleidet hatte, ich sah in ihrem Gesicht einen Anflug von Lächeln, brachten mich zwei Ohrfeigen ihres als aufgebracht zu bezeichnenden Ehemanns nun endgültig zur Räson. Mein Großhirn schien die Arbeit wieder aufzunehmen und ich wusste selbst kurz nicht was ich hier mit heruntergelassener Hose suchte. Beschämt machte ich mich auf den Nachhauseweg. Der Ehemann grüßt mich seit dieser Zeit nicht mehr und wechselt auch bewusst die Straßenseite. Was mich etwas für diese Unfreundlichkeit entschädigt, ist, dass seine Ehegattin manchmal, wenn er auf Dienstreise ist, nun bei mir läutet. So gesehen war die Reise ins Innere mehr als gelungen und ich kann sie mit gutem Gewissen auch jedem weiterempfehlen.

Harald, 24. Juli 2020

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