I Had A Dream

In der vergangenen Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum. Ich war in Amerika, in der Stadt Tulsa in Oklahoma und nahm an einem Sommerabend an einem Wahlkampfauftritt des blonden orangegesichtigen Fettwanstes teil, der um seine Wiederwahl als Präsident der Vereinigten Staaten kämpfte. Wie immer schleuderte er seine kurzen simplen Sätze ins Volk, die ihn erhöhten und alle anderen, die ihm nicht gerade zuhörten, erniedrigten.

Irgendwann wollte er dann zum Höhepunkt seiner verbalen Auswürfe kommen und rufen: „Denen, die mich nicht lieben, rufe ich zu: Ich hasse euch!“ Weil aber durch ein technisches Gebrechen für ein paar Sekunden das Mikrofon ausfiel, hörte das Publikum nur den letzten Teil des Satzes: „Ich hasse euch!

Die Stimmung kippte rasend schnell. Nach einer Schrecksekunde begannen die Leute ihre Fähnchen, mit denen sie bis dahin dem Dicken Sauerstoff zugefächelt hatten, auf den Boden zu werfen und darauf herumzutrampeln. In den ersten Reihen erhob sich ein Pfeifkonzert, dass sich in wenigen Augenblicken gellend bis in die letzte Reihe fortpflanzte.

Der übergewichtige Egomane oben auf der Bühne reagierte konsterniert . Ihm schien plötzlich klar zu werden, dass er den Bogen diesmal überspannt hatte. Verzweifelt winkte er einen Techniker zu sich heran und bat ihn das Mikrofon lauter zu drehen. „Ich wollte nicht sagen, ich hasse euch!“, rief er energisch in das Gerät hinein, aber weil die Wiedergabe am Mischpult noch nicht richtig eingestellt war, ging der erste Teil des Satzes in einer schauerlich anmutenden Rückkopplung unter. Das Publikum hörte wieder nur: „Ich hasse euch!“

Es gab kein Halten mehr. Das Pfeifkonzert steigerte sich zu einer Intensität, die an das unmittelbar bevorstehende Platzen eines riesigen Teekessels gemahnte. Dem Dicken wurde plötzlich bewusst, dass seine Ansprache von zahlreichen Fernsehsendern ins ganze Land übertragen wurde und dass er dabei war, sich um Kopf und Kragen zu reden. Mit einer fahrigen Geste winkte er seinen engsten Berater (schon der der neunzehnte seit dem Amtsantritt des Dicken) zu sich und brüllte ihm etwas ins Ohr.

Der Berater nickte, verschwand für einen Augenblick im Backstage-Bereich und kehrte seltsamerweise mit einem Comic-Heft zurück, das der französische Präsident ihm bei einem Besuch einmal mitgebracht hatte, genauer gesagt mit dem Asterix-Band Nr. 21 „Das Geschenk Caesars“, den er auf Seite 22 aufschlug und dem verzweifelten Dicken hinhielt. Der Fettwanst holte tief Luft und brüllte dann mit letzter Kraft einen Satz aus dem sechsten Bild auf jener Seite ins Mikrofon: „Jetzt reicht’s aber! Sollen doch die Unzufriedenen abhauen!“

Diesmal war auf die Technik Verlass. Jene Worte übertönten die apokalyptische Geräuschkulisse, die sich mittlerweile auf dem Gelände aufgebaut hatte.

Plötzlich trat eine gespenstische Stille ein. Etwas Historisches geschah. Die Teilnehmer der Veranstaltung nahmen den Redner beim Wort, drehten sich um und gingen. Sie ließen den Dicken einfach stehen, fuhren nach Hause, packten ihre Koffer und hauten ab. Nach und nach taten es ihnen die Fernsehzuschauer gleich, die die Rede an ihren Geräten zu Hause verfolgt hatten. Auch sie packten ihre Koffer und veließen das Land. Die eine Hälfte der Leute fuhr nach Kanada, die andere Hälfte nach Mexiko. Wenn sie unterwegs irgendwo hielten, erzählten sie jenen, die es noch nicht wussten, was geschehen war. Die so Informierten, setzten sich ebenfalls in ihre Autos und verließen das Land und trugen die Botschaft weiter. Immer mehr Menschen befolgten den Appell des Fettwanstes, der immer noch ungläubig an seinem Rednerpult in Tulsa stand und um Worte rang. Ganz Amerika war auf Achse. Am Morgen nach dem historischen Satz hatten tatsächlich alle 331 Millionen Amerikaner ihr Land verlassen und hielten sich nun entweder in Kanada oder in Mexiko auf.

Als der Fettwanst, der auf der Bühne eingeschlafen war, im Morgengrauen aufwachte, verspürte er mächtigen Hunger und rief ungehalten nach mit Blattgold überzogenen Steaks, die er gewöhnlich nach jeder Wahlkampfveranstaltung in rauen Mengen verschlang. Dass etwas nicht stimmte, wurde ihm klar, als nach zehn Minuten immer noch keine Steaks kamen. Mit keuchendem Atem verließ der Dicke die Bühne, rannte kopflos wie ein Huhn über den menschenleeren Zuschauerbereich und suchte verzweifelt nach Untergebenen, die er herumkommandieren konnte. Er fand keine Menschenseele, obwohl er allmählich seinen Radius ausdehnte und schließlich in den Straßen von Tulsa landete, die selbstredend wie ausgestorben waren.

In seiner Panik griff der Dicke endlich zu seinem Mobiltelefon und rief seinen engsten Berater an, den er irgendwo in Mexiko erreichte. Er fragte den Berater, was geschehen sei. Die Unzufriedenen im Volk, erwiderte der, hätten seinem, des Präsidenten, Appell Folge geleistet und seien abgehauen. Wieviele es denn seien, fragte der Dicke, er treffe nämlich zumindest in seiner Umgebung in Tulsa niemanden mehr an und er leide schrecklichen Hunger und brauche auch bald eine Pussy, die er begrapschen könne.

Der Berater eröffnete dem Dicken, dass ausnahmslos alle Amerikaner fort seien und dass das Land nun endlich ihm allein, dem Präsidenten, gehörte.

Da warf sich der Dicke auf den Boden und schrie und strampelte wie ein Säugling mit Armen und Beinen, bis er nicht mehr konnte. Verzweifelt rief er am Ende die Sprecherin des Repräsentantenhauses an, die seinen Anruf bereits erwartet und die Zeit genutzt hatte, um sich mit anderen Entscheidungsträgern zu beraten. Er verlange, rief der Dicke, dass sein Volk sofort zurückkomme und ihm wieder diene.

In ruhigem und sachlichem Tonfall erklärte ihm die Sprecherin, dass das Volk sehr wohl gewillt sei, nach Hause zurückzukehren, jedoch nur unter gewissen Bedingungen, die er, der Präsident, erfüllen müsse. Bedingungen interessierten ihn nicht, keuchte der Fettwanst. Das Volk brauche ihn doch. Bedingungen könne höchstens er stellen.

In diesem Fall tue es ihr leid, sagte die Sprecherin. Falls er, der Präsident, es sich anders überlegte, könne er ja später noch einmal anrufen. Nie im Leben werde er nachgeben, rief der Dicke und legte auf.

Zehn Minuten drückte er auf die Taste für die Wahlwiederholung und fragte die Sprecherin, wie die Bedingungen lauteten. Er müsse sofort abdanken, erläuterte sie, und bis zu seinem Lebensende allein die Müllabfuhr für alle 331 Millionen Amerikaner übernehmen. Erst dann würde sein Volk die Heimreise antreten. Der blonde Fettwanst, den der Hunger mittlerweile schier unträglich in die Gedärme zwickte, gab schluchzend endlich kleinbei. Sie würde eine Drohne mit vorbereiteten Papieren nach Tulsa schicken, sagte die Sprecherin. Sobald er, der Präsident, diese unterschrieben hätte, käme das Volk zurück.

Sie hielt Wort. Nachdem der Dicke seinen Namen unter die Abdankungsurkunde und den Anstellungsvertrag bei der Müllabfuhr gesetzt hatte und die Drohne nach Mexiko zurückgekehrt war, traten die Amerikaner die Rückreise an und kehrten binnen eines Tages geschlossen in ihr Land zurück.

Der nunmehr ehemalige Präsident erhielt orangefarbene Arbeitskleidung, die hervorragend mit seinem Teint harmonierte, und wurde in einem als gefährlich verschrienen Viertel in New York zum Dienst als Müllmann eingeteilt. Obwohl er es trotz zahlloser Versuche nicht schaffte, jemals auch nur eine einzige Tonne sachgerecht zu entleeren, wurde er bis zu seinem Lebensende jeden Morgen aufs neue hinausgejagt auf die Hinterhöfe, wo weitere Tonnen auf ihn warteten.

Als ich endlich schwitzend erwachte und noch vom Bett aus den Fernseher einschaltete, stellte ich zu meinem Bedauern fest, dass alles beim Alten war und der Dicke immer noch im Amt und dass er schon wieder auftrat und redete, und dass immer noch niemand den Müll beseitigte, der weiter dort herausquoll, wo er immer herausgequollen war, nämlich aus dem Mund des Präsidenten.

Michael, 24. Juli 2020

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