Kirmes

Als Goethe und Schiller vom vielen Dichten einmal müde waren, besuchten sie am Abend zu ihrer Zerstreuung die Kirmes in Weimar, die in jedem Herbst vor dem Roten Schloss abgehalten wurde. Schiller zog es zum Autoscooter, während Goethe insgeheim die Geisterbahn präferiert hätte, was er seinem Freund, der ihn eingeladen hatte, allerdings verschwieg, um ihn nicht vor den Kopf zu stoßen. Sie zwängten sich am Scooter gemeinsam in eine Chaise. Schiller übernahm das Steuer. Weil sie jedoch beide mit den Feinheiten des motorisierten Kreisens nicht vertraut waren, wurden sie auf ihren Runden von lauter jungen Stürmern und Drängern permanent geschnitten, ausgebremst und gerammt. Goethe war so erbost, dass er den jungen Leuten das Götzzitat entgegenschleuderte, auf das er ja das Copyright besaß, was die Adressaten aber nicht wussten. Als die beiden Dichter schließlich das vorab erworbene Kontingent an Jetons verfahren hatten, verließen sie frustriert die Scooterhalle. Der Hunger hatte sie gepackt. Schiller entdeckte eine Bude, an der riesige Lángos verkauft wurden. Goethe, der Knoblauch verabscheute, ließ sich seinen Fladen nur mit Salz bestreuen, während Schiller sich mehrere Extrazehen des deftigen Knollengewürzes ausbedang, mit denen er sein tellergroßes, kreisrundes Flachbrot zusätzlich kräftig einrieb, ehe er es mit größtem Genuss verzehrte. Während sie weiter in der mittlerweile hereingebrochenen Dunkelheit nebeneinander durch die Reihen der beleuchteten Stände und Fahrgeschäfte flanierten, hielt Goethe unwillkürlich mehr Abstand zu seinem nunmehr streng aus dem Mund riechenden Freund. Beim nächsten Programmpunkt setzte sich der ältere der beiden Dichterfürsten gegenüber dem jüngeren zum ersten Mal durch. Sie lösten Tickets für die Geisterbahn. Schiller nahm in dem Wagen an der Spitze des Zuges Platz, während Goethe sich naserümpfend hinter ihn setzte. Als sie in das Tor zur Hölle einfuhren, machten beide Dichter fröhliche Gesichter. Als sie etwa zehn Minuten später vom Geysir des Grauens wieder ausgespuckt wurden, der das Ende der Bahn markierte, saß Goethe mit verschränkten Armen und verkniffenem Gesicht und nach unten gezogenen Mundwinkeln da. Nach dem Ausstieg fragte Schiller seinen Kollegen, ob es ihm etwa nicht gefallen habe. Die ich rief die Geister, erwiderte Goethe, stellt der Knoblauch bloß. Schiller sah ihn fragend an. Es sei sterbenslangweilig gewesen, rief Goethe. In der miefenden Dunstwolke habe ihn nicht ein einziger Geist erschreckt oder gar attackiert. Zum Trost durfte Goethe auch die nächste Attraktion auswählen. Er entschied sich für eine Fahrt mit einem Heißluftballon. Schiller hielt es zwar grundsätzlich für eine Schnapsidee, zu jener vorgerückten Stunde mit einem Ballon aufzusteigen, war aber für den Nervenkitzel eines unvernünftigen Abenteuers immer zu gewinnen. Während er mit dem Piloten, der auf einem Teppich neben seinem Fluggerät saß, über den Preis für die nächtliche Fahrt verhandelte, steckte Goethe seine Nase in den Korb und schreckte zurück, als er von dessen Boden her einen unangenehmen Geruch wahrnahm. Er fragte den Piloten, was da so erbärmlich stänke. Faule Äpfel seien es, erwiderte der Angesprochene. Sie brächten Glück und ohne Glück wolle er zu so später Stunde nicht mehr aufsteigen. In diesem Moment beschloss Goethe lieber auf die Fahrt zu verzichten. Zu Schiller, von dem er wusste, dass er den Geruch von faulen Äpfeln liebte, sagte er, dass er doch allein fahren solle. Er, Goethe, wolle lieber auf dem Teppich bleiben. Er fände schon etwas, auf das er sich einen Reim machen könne. Als Schiller daraufhin zu dem Piloten in den Korb gestiegen war, wurde ihm doch ein wenig flau und er bat darum, dass er wieder aussteigen dürfe. Da packte Goethe ein Beil, das er auf dem Pflaster liegend fand, und kappte damit das Tau, mit dem der Ballon am Boden festgemacht war und rief dazu: Die Axt vorm Schloss erspart das Angstgedöns. Während der Ballon mit Pilot und Schiller an Bord in den Nachthimmel hinaufschoss, hörte Goethe von oben noch, wie Schiller sich beklagte, dass das sein Spruch sei. Als sein Freund zwei Stunden später immer noch nicht zurück war, ging Goethe müde nach Hause. Schiller, der erst zwei Tage später in der Nähe von Frankfurt an der Oder wieder festen Grund unter seinen Füßen ereichte, redete danach mit seinem Dichterfreund ein halbes Jahr lang kein einziges Wort.

Michael, 31. August 2020.

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