Der Selbstmord des Roboterrasenmähers

Es war immer samstags am Morgen, als der Nachbar, bereits in Pension, den Rasenmäher pünktlich um 08.00 Uhr startete, ein benzinbetriebenes Monstrum mit einer Lautstärke eines startenden Düsenjets. Im Schlafzimmer hatte Viktor das Gefühl, die Wände würden vibrieren, wenn der Motor mal wieder angeworfen wurde. Das Aufheulen des Motors und das wieder gleichmäßige Rattern war eine Spezialität des Nachbarn. Er fuhr durch den Garten wie mit einem Auto durch die Straßen. Bei Kreuzungen schien er stehen zu bleiben, um dann wieder mit Vollgas eine Kavalierstart hinzulegen. Das ging jahrelang und er hatte sich schon damit abgefunden, dass trotz netter Hinweise eine Änderung der Vorgangsweise nicht zu erreichen wäre. Eines Samstag morgens im Hochsommer aber war es ruhig. Jetzt machte er sich Sorgen, ob der Nachbar den ernsthaft erkrankt wäre. Auch um 08.30 Uhr noch kein Geräusch. Als er um 10.00 Uhr, nachdem er wieder kurz eingeschlafen war, auf der Terrasse frühstückte, hörte er es, ein leises Surren. Er ging dem Geräusch nach und dann sah er ihn, den Roboterrasenmäher. Dieser bewegte sich unaufhörlich, den ganzen Tag. Selbst am Abend fuhr er nach einer halbstündigen Pause noch durch den Garten, obwohl kein Grashalm mehr zu sehen war. Um 20.00 Uhr schien er aufzuhören, aber zwei Stunden später hatte er wohl wieder einen Grashalm entdeckt, der nächtens doch noch gewachsen ist. Viktor hatte lange zugeschaut, den Benzinrasenmäher ertragen, aber dieses unerträgliche Geräusch des Elektromotors war zu viel. Als selbst der Igel, der in seinem Garten länger zugegen war, das Weite suchte, beschloss er in der darauffolgenden Nacht zu handeln. Er besorgte sich dazu 600 m Begrenzungskabel und um 23.30 Uhr startete er sein Vorhaben. Er unterbrach das in ca. zwanzig Zentimeter Tiefe eingegrabenen Begrenzungskabel des Nachbarn auf einer Länge von 50 cm und grub nun weiter in Richtung des 300 Meter entfernen Recyclinghofs. Um 03.45 war er dort angekommen und auf der anderen Seite des dort befindlichen Containers für Elektroschrott hatte er eine kleine Rampe aufgebaut und wartete nun. Es dauerte keine 10 Minuten, da kam der kleine Rasenmäherroboter schon um die Ecke gebogen. Die Rampe meisterte er mit Bravour, mutig fuhr er bis zur Kante, blieb nicht stehen, sondern warf sich ohne Kompromisse hinunter. Der Aufprall war heftig, es surrte nur mehr kurz und dann war Ruhe. Zufrieden ging er danach schlafen. Am nächsten Morgen grüßte er den Nachbarn freundlich, der in seinem Garten etwas zu suchen schien. Er machte ihn darauf aufmerksam, dass Ostern erst wieder nächstes Jahr anstünde, als der Nachbar berichtete, dass der Roboterrasenmäher wohl ausgebüxt wäre. Viktor gab an, dass ihm das unerklärlich wäre, er aber sich gerne melden würde, wenn er das Teil entdeckte. Nach dreistündiger Suche gab der Nachbar auf und kaufte am selben Tag einen neuen Roboterrasenmäher, gleiches Modell. Tagsüber schien alles gut zu gehen, aber um 22.15 nahm er den Weg Richtung Recyclinghof und es ereilte ihn das gleiche Schicksal wie das erste Modell. Der Nachbar gab nicht auf und besorgte sich auch noch ein drittes Modell, das er nun auch in der Nacht im Auge behalten wollte. Um 23.30 hörte ich ihn schreien und er rannte dem dritten Modell hinterher, konnte aber den Absturz in den Container nicht mehr verhindern. Als er dort auch die zwei anderen Roboterrasenmäher entdeckte, konnte er sich keinen Reim darauf machen. Am nächsten Samstag hörte Viktor um 08.00 Uhr wieder den Startvorgang des alten benzinbetriebenen Rasenmähers, drehte sich zufrieden um und schlief seelenruhig weiter.

Harald, 14. August 2020.

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