Fensterln

Hasenberger, der sehr schüchtern war, hatte in einem Kontaktmagazin im Warte­zimmer seines Zahnarztes gelesen, dass in einem Tiroler Bergdorf namens Spegg­nedeln die jungen Männer durch das sogenannte Fensterln bei der Gewinnung der Damenwelt schöne Erfolge einfuhren. In dem Artikel stand genau beschrie­ben, wie das Fensterln funktionierte. Ein potentieller Liebhaber vereinbarte am Tage mit der Maid seiner Wahl in ihrer Schlafkammer ein geheimes nächtliches Stelldichein, dessen besonderer Reiz darin bestand, dass der potentielle Freier eben nur dann zum Stich kam, wenn er zuvor mit Hilfe einer Leiter den Höhen­unterschied zum ersten Stock überwand und durchs Fenster in die Kammer der zu Beschälenden eindrang. Das war genau das Richtige für ihn, dachte Hasenber­ger, da musste er nicht viel reden, sondern einfach nur klettern, rammeln, abhau­en und fertig. Spontan verzichtete er auf die Behandlung seiner Kieferhöhleneite­rung, meldete sich bei der Sprechstundenhilfe seines Zahnarztes ab, warf eine Schmerztablette ein und fuhr nach Tirol. Er quartierte sich bei einer steinalten Witwe namens Wally Nöfer ein, die ihm das günstigste Zimmer offerierte, das im Erdgeschoss ihres Häuschens lag. Hasenberger erläuterte seiner Wirtin seine Ab­sichten und erkundigte sich bei ihr, worauf er beim Dating fürs Fensterln beson­ders achten müsse. Er sei nämlich noch unberührt und wolle gleich beim ersten Mal alles richtig machen. Das Fensterln sei leider den Einheimischen vor­behalten, erklärte ihm die alte Nöferin, aber weil er, Hasenberger, einen grund­anständigen Eindruck mache, wolle sie ausnahmsweise etwas für ihn arrangie­ren. Noch am Nachmittag, versprach sie, werde sie ihm ein geeignetes Fenster benennen und ihm eine Leiter borgen. Sie hielt Wort. Sie führte ihn an die Rück­seite ihres eigenen Häuschens und zeigte ihm ein Fenster im ersten Stock. Er müsse sehr diskret sein, schärfte Wally Nöfer ihm ein. Die Dame, die sie für die Leistung der Liebesdienste rekrutiert hätte, sei sehr auf ihre Reputation bedacht. Im übrigen sei es aber doch für ihn, Hasenberger, von Vorteil, wenn er gar nicht erst in die Ferne schweifen müsse, wenn das Gute doch so nahe läge. Hasenber­ger nickte und entrichtete die Leihgebühr für die Leiter. Er wartete bis zum Abend. In der Dunkelheit, die durch vorüberziehende Wolken verstärkt wurde, vergewisserte er sich, dass die Luft rein war, lehnte die Leiter an der richtigen Stelle an die Fassade und machte sich in freudiger Erregung an den Aufstieg. Al­les ging glatt. Hasenberger erklomm lautlos die Sprossen und stieg durchs geöff­nete Fenster in die Schlafkammer. Hastig riss er sich die Kleider vom Leib und stieg in das schmale Bett, in dem er bereits erwartet wurde. Genau in dem Augen­blick, in dem er seine Gespielin mit ersten Küssen bedecken wollte, gab eine Lü­cke zwischen den Wolken den Mond frei, in dessen Strahl Hasenberger erkannte, mit wem er sich einzulassen im Begriff war. Obwohl sie ihr Gebiss nicht im Mund hatte, wusste Hasenberger, dass es sich um Wally Nöfer, seine Wirtin handelte. Weil jedoch seine Erfahrung so gering und seine Erregung so groß waren, setzte er seine Kussversuche konsequent fort. Als er jedoch seinen Mund öffnete, nahm die alte Nöferin ihrerseits den üblen Geruch wahr, der dort aufgrund der nicht behandelten Kieferhöhleneiterung herausströmte. Obwohl sie eine erfahrene Frau war, die schon viel erlebt hatte, befiel sie angesichts des Gestanks eine sol­che Panik, dass sie nach ihren vor dem Bett stehenden Holzpantoffeln griff und damit auf den verdatterten Hasenberger einschlug, der sie immer noch heftig bedrängte. Der solcherart Gezüchtigte sah sich im eskalierenden Prügelhagel schließlich gezwungen, die Flucht zu ergreifen. Er wollte noch hastig seine Klei­der zusammenraffen, nahm aber davon Abstand, als die zur Furie mutierte Wally Nöfer ihm „Weiche, Satan!“ entgegenschrie und ihm ihren irdenen Nachttopf nachschleuderte, der sein Ziel nur knapp verfehlte. Hasenberger kletterte split­ternackt die Leiter hinunter und lief in seiner Panik einfach geradeaus davon, hetzte hinaus aus dem Dorf und hielt erst nach mehreren Kilometern an, nach­dem ihm die Luft ausgegangen war. Er stand vor einem imposanten sakralen Ge­bäude, das sich als ein Priesterseminar entpuppte. Trotz der nächtlichen Stunde und seiner fehlenden Bedeckung bat Hasenberger um Aufnahme, die ihm freudig gewährt wurde. Nach Beendigung seiner mehrjährigen Ausbildung wurde er schließlich als Pater Blasius ein hochgeschätzter Seelsorger.

Michael, 14. August 2020.

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