Speed kills

Der Sommer ging langsam, aber leider auch sicher zu Ende. Was wollte sie nicht alles machen, von Surfen lernen, über mehr Zeit für Freunde haben und zu guter Letzt auch noch einen Roman fertigstellen. Jetzt blieben nur mehr drei Wochen bis zum Herbstbeginn, wohlgemerkt kalendarisch, meteorologisch begann er in zwei Tagen. Mit ihren Vorhaben hatte Claudia noch nicht einmal begonnen. Sie hatte plötzlich die fixe Idee, das vorgenommene Pensum nun in einem Wochenende zu erledigen, schließlich hatte Claudia in ihrer beruflichen Laufbahn immer mit knappen Fristen das Unmögliche möglich gemacht. Am Freitag rief sie bei der Surf- und Segelschule am Mondsee an und konnte tatsächlich einen Surflehrer von 09.00 bis 12.00 Uhr buchen, der dem Vorhaben sogar positiv gegenüber stand. Nach weiteren Anrufen lud sie zwölf Freunde für Freitag um 20.00 Uhr ein. Um 13.00 Uhr begann sie wie von Sinnen in die Tastatur des Laptops zu hämmern. Seite für Seite entstand, sämtliche Ideen sprudelten aus ihr nur so heraus. Der Abend am Freitag mit ihren Freunden, drei waren verhindert, dauerte etwas lang. Sie kam erst – deutlich angeheitert – um 04.30 Uhr ins Bett und musste um 08.00 den Wecker stellen, damit sie rechtzeitig am See sein konnte. Sie schaffte es am Samstag tatsächlich um 09.00 Uhr pünktlich dort zu sein und konnte die ersten Versuche auf dem Surfbrett bei wenig Wind machen. Nach drei Stunden glaubte sie, den neuen Sport ausreichend zu beherrschen. Nach dem Essen in einem Schnellimbissrestaurant, wobei die Bezeichnung Restaurant in diesem Zusammenhang fast schon zu schmeichelhaft war, machte sie sich um 13.30 Uhr wieder über die Zeilen ihres Romans her. Um 22.00 Uhr war sie noch ganz euphorisch, selbst um 02.00 Uhr früh am Sonntag tippte sie – wenn auch schon etwas müde – am Laptop flotten Schrittes. Sie schlief von 04.00 bis 06.00 Uhr nur kurz, um nach schnellem Frühstück vorwärts zu kommen. Das Mittagsessen fiel aus und eine kleine Jause um 18.30 Uhr gab ihr neue Kraft. Sie tippte bis 23.50 und schloss ihren Roman mit dem Satz „Und wieder konnte aufgrund unermüdlichen Einsatzes viel Zeit gespart werden.“. Claudias Conclusio stand fest. Wer braucht schon einen ganzen Sommer, wenn ein Wochenende reicht. Durch den Roman und die anderen schnellen Erledigungen wurde ihr klar, warum sie beruflich über alle Maßen erfolgreich ist. Sie ist schneller als alle anderen, beim Lernen, beim Arbeiten, selbst, nein vor allem beim Schlafen. Als Claudia zwei Wochen später einer Arbeitskollegin vorschlug, die um fünfzehn Jahre jünger war, Surfen zu gehen, war sie voller Motivation. Diesmal war jedoch deutlich mehr Wind, um nicht zu sagen, das erste Mal überhaupt richtig Wind im Segel und Claudia verbrachte keine Minute durchgehend auf dem Surfbrett. Beim anschließenden Austausch sprach sie von Materialfehlern und wechselnden Windrichtungen, die auch für erfahrene Surfer teilweise ein Problem sein könnten. Ihre Arbeitskollegin biss sich bei ihren Aussagen auf die Zunge. Als sie wieder zu Hause angekommen war, rief sie zwei Freundinnen an, die ihr aber leider absagten. Claudia verstand die vorgebrachten Gründe der Verhinderung, weil sie nicht wusste, dass ihre Freundinnen nicht nochmals so einen Abend verbringen wollten, in dem zuerst ein Monolog von Claudia über ihren Roman stattfand, anschließend sie sieben (!) verschiedene Spiele ausprobieren mussten (der Wechsel erfolgte immer, wenn Claudia einmal nicht gewonnen hatte) und zu guter Letzt wurden auch noch alle angesagten Mixgetränke dieses Sommers wild durcheinander in einer Nacht getrunken. Claudia hatte betreffend ihres Romans trotz der Anschreiben an 24 Verlage noch keine positive Antwort erhalten. Beruflich kannte sie aber einen Lektor bei einem Verlag und bat um ehrliche Rückmeldung. Als dieser sich nach drei Stunden bereits meldete, war sie kurz voller Euphorie. Die Nachricht fiel aber sehr ernüchternd aus. Es gäbe keine Struktur, die Hauptfigur würde permanent etwas anderes machen, verfolge auch kein Ziel, sondern würde nur im Laufe der 65 Seiten, was für einen Roman auch keine adäquate Länge wäre, immer schneller. Er müsste nun ganz ehrlich sein, das wäre wirklich nur Schrott. Als Claudia sich nach Stunden vom Gesagten erholte und später langsam der Mond aufging, beschlich sie ein leiser Verdacht, dass manche Dinge vielleicht doch mehr Zeit brauchen.

Harald, 28. August 2020.

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