Steinschlichter

Als ich einmal ziellos durch Südengland wanderte, entdeckte ich an einem Nachmittag auf eine Wiese eine Frau, die dort auf einer Picknickdecke saß. „Das ist eine gute Gelegenheit“, dachte ich mir. Ich sprach die Frau an, stellte mich ihr vor und fragte sie nach ihrem Namen, und ob es ihr recht sei, wenn ich versuchte, sie zu erobern. „Ich heiße Kassandra“, antwortete sie. „Rein grundsätzlich habe ich nichts dagegen, wenn du deine Fühler nach mir ausstreckst. Ich muss dich aber warnen. Meine Gunst ist nicht leicht zu gewinnen. Du musst mir schon etwas Beeindruckendes liefern, wenn du mich haben willst. Was bist du denn von Beruf?“ Mit dieser Frage erwischte sie mich auf dem falschen Fuß. Trotz meines gesetzten Alters hatte ich mir nämlich noch immer nicht überlegt, was ich eimal werden wollte. Ich sagte das erstbeste, was mir in den Sinn kam. „Ich bin ein Steinschlichter.“ „Das trifft sich gut“, erwiderte sie augenzwinkernd. „Einen Steinschlichter hatte ich nämlich noch nie. Leg los!“ Ich nickte und wusste, dass ich nun einen Plan brauchte, und gerade darin, im Pläneschmieden, war ich wirklich schlecht. Weil ich mich aber selbst in diese Lage gebracht hatte, lief ich erst einmal kreuz und quer über die Wiese, um das Terrain zu erkunden und um nach Steinen Ausschau zu halten, die sich von mir schlichten ließen. In der Abenddämmerung wurde ich schließlich in einem nahen Bachbett fündig. Es bot eine Fülle von allen nur vorstellbaren Steinen, kleinen und vor allem gr0ßen, die sich von mir gewiss hervorragend schlichten ließen. Der Gedanke daran, Kassandra zu erobern und zu besitzen, wenn ich meine Sache gut machte, verlieh mir Bärenkräfte und versetzte mich in die Lage, zentnerschwere, glitschige Steine aus dem Bachbett zu heben und sie auf die Wiese hinüberzuschleppen, auf der Kassandra immer noch auf ihrer Picknickdecke saß. Allerdings starrte sie in die andere Richtung und nahm von meiner Schufterei nicht im geringsten Notiz. Immerhin schien sie aber Wort zu halten, denn sie machte, obwohl es mittlerweile fast dunkel war, keine Anstalten, sich zu entfernen. Als der letzte Sonnenstrahl am Horizont versank, hatte ich genügend Steine beisammen, um mit der Schlichtung zu beginnen. Ich sah noch einmal zu Kassandra hinüber, die sich mittlerweile in ihre Picknickdecke eingewickelt hatte und augenscheinlich bereits schlief. Obwohl meine Muskeln von Transport der Steine schon schmerzten, machte ich mich nun ans eigentliche Werk. Im Mondlicht probierte ich die unterschiedlichsten Schlichtungen aus. Ich errichtete lose Haufen oder baute exakte Quader und Würfel, die ich danach jedesmal akribisch prüfte, wenn ich der Meinung war, dass ich das jeweilige Gebilde vollendet hatte. Keines meiner Konstrukte hielt jedoch meinen hohen Ansprüchen stand, sodass ich alles was ich errichtet hatte, unmittelbar danach wieder abtrug und von Neuem begann. Trotz der nächtlichen Kühle rann mir vor lauter Anstrengung der Schweiß vom Körper. Mehrere Male musste ich meine Schufterei unterbrechen, um mit dem Wasser des nahen Baches meinen Durst zu stillen. Ich baute Zylinder, vier- fünf-, sechs- und achteckige Türme und einmal auch eine kleine steinerne Brücke, bei deren Erstüberschreitung ich eine solche Leere verspürte, dass ich auch die Brücke wieder abtrug. Irgendwann spürte ich dann im Nacken den ersten Strahl der im Osten aufgehenden Sonne. Mich befiel eine ungeheure Panik. Wenn ich nicht jetzt noch in letzter Sekunde etwas wirklich Beeindruckendes schlichtete, würde es mir nicht gelingen, Kassandra zu erobern. Wie von Sinnen trat ich die Flucht nach vorne an. Ich stellte die größten der Blöcke senkrecht in einem Kreis auf und legte die übriggebliebenen Steine quer als Bedeckungen darauf. Gerade als ich den letzten Stein an seinen Platz gehievt hatte, hörte ich, wie Kassandra nach mir rief. „Ich habe so gut geschlafen“, rief sie, während sie sich auf ihrer Decke räkelte. „Und was hast du mir nun gebaut?“ Ich deutete in die Richtung, in der ich mein Gebilde errichtet hatte. Kassandra betrachtete mein Werk nur einen Augenblick lang und verfiel dann sofort in ein schallendes Gelächter. „Das, was du hier fabriziert hast“, rief sie, „gibt es schon! Es steht nur wenige Kilometer von hier entfernt, sieht exakt aus wie deins und heißt Stonehenge! Damit kannst du mich leider nicht erobern.“ Ich stand da mit meinen zerschundenen Armen, meinen überdehnten Sehnen und schmerzenden Muskeln, meinen knackenden Gelenken und todmüden Knochen. „Ach“, sagte ich dann leise, völlig entkräftet und am Boden zerstört. „Und womit kann ich dich dann gewinnen?“ „Mit einer ägyptischen Pyramide“, sagte sie. „In Originalgröße versteht sich.“ Ich ließ Kassandra wort- und grußlos stehen und wanderte ziellos weiter durchs Land.
Irgendwann gegen Abend traf ich auf einer anderen Wiese eine andere Frau auf einer anderen Picknickdecke. Ich wollte unbemerkt an ihr vorüberschleichen, als sich mich ansprach und mich fragte, ob ich nicht versuchen wollte, sie zu erobern. „Warum nicht?“, antwortete ich mit einem ironischen Unterton, den sie nicht bemerkte. Es sei nicht leicht, sie zu erobern, sagte sie. Ich müsse etwas Überzeugendes für sie bauen. Ich machte mich ans Werk. Weil sie sich mit dem herrlichen Luftschloss zufrieden gab, das ich in meiner Phantasie für sie entwarf, wurden wir schon in der folgenden Nacht ein Paar.

Michael, 28. August 2020.

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