Ampeln

Einmal kam ich nach einer längeren Geschäftsreise, auf der ich mich mit allerlei Stoffballen eingedeckt hatte, mitten in der Nacht zurück in meine geliebte Heimat. Bei Drosendorf passierte ich die Grenze und rechnete aufgrund der späten Stunde mit einer ereignislosen Weiterfahrt. Doch schon nach wenigen hundert Metern fiel mir die erste Ampel auf, die zwar Grün zeigte, aber mitten in der Landschaft an einer Stelle neben der Straße stand, an der es weit und breit keine Abzweigung oder Einmündung gab. Ich fuhr an der Ampel vorbei und machte mir keine weiteren Gedanken. Wenige Fahrsekunden später entdeckte ich die nächste Ampel, die wiederum auf Grün stand und kurz danach eine dritte, die auch keine der Verkehrssteuerung geschuldete Daseinsberechtigung zu haben schien. Es folgten Dutzende weitere, offensichtlich sinnlose Ampeln. Auf der Höhe von Mistelbach hörte ich auf, ihnen noch irgendeine Beachtung zu schenken. Kurze Zeit später wurde ich jedoch urplötzlich wieder an die Präsenz der Lichtanlagen erinnert. Vor mir erblickte ich plötzlich eine Ampel, die auf Gelb stand. Die beiden Fahrzeuge vor mir bremsten und hielten an. Ich tat es ihnen gleich. Ich beobachtete, wie die Fahrer ausstiegen, die Heckklappen ihrer Fahrzeuge öffneten und dort kleine Rechtecke aus Stoff hervorkramten, die sich vor ihre Ohren banden. Dann stiegen sie wieder ein und fuhren weiter. Ich machte es ihnen nach und schnitt von den Stoffbahnen, die ich in meinem Kofferraum mit mir führte, passende Rechtecke herunter und verhüllte mit ihnen meine Ohren. Dann setzte auch ich meine Fahrt fort. Abgesehen davon, dass die folgenden Ampeln, die genauso sinnlos schienen wie ihre Vorgängerinnen, allesamt auf Gelb standen, änderte sich nichts. Bald hatte ich wieder zu den beiden Fahrzeugen aufgeschlossen. Weil mir ihr Tempo im Grunde genommen als angemessen erschien, blieb ich hinter ihnen und überholte sie nicht. Nach der Durchquerung von Groß-Schweinbarth verminderten die beiden Wagen plötzlich abermals ihre Geschwindigkeit und fuhren rechts an den Fahrbahnrand. Als ich genauer hinsah, entdeckte ich eine Ampel, deren Licht in leuchtendem Orange erstrahlte. Wieder stiegen die Fahrer aus und traten hinter ihre Fahrzeuge und versorgten sich aus dem jeweiligen Kofferraum mit weiteren Stoffrechtecken, mit denen sie ihre Nasen und Münder bedeckten. Da ich es um jeden Preis vermeiden wollte, dass ich unangenehm auffiel, verfuhr ich abermals genauso, verhüllte auch meinen Mund und meine Nase und reihte mich dann zur Weiterfahrt wieder hinter den beiden Fahrzeugen ein. Die weiterhin in hoher Dichte aufgestellten Ampeln blieben sinnbefreit und leuchteten forthin orange. Wir fuhren weiter im Pulk. Kurz vor Wien wiederholte sich das bereits bekannte Prozedere zum dritten Mal, als wir auf einmal auf eine rote Ampel trafen. Wieder hielten wir an. Jetzt ist die Fahrt wohl endgültig zu Ende, dachte ich und stellte mich bereits darauf ein, den Rest der Nacht mit meinen Stoffballen in meinem Fahrzeug verbringen zu müssen. Zu meinem maßlosen Erstaunen traten meine Vordermänner aber wieder an ihren jeweiligen Kofferraum, holten weitere Rechtecke heraus, fixierten sie vor ihren Augen, stiegen wieder ein und fuhren weiter. Obwohl ich erhebliche Zweifel hegte, dass dies gut gehen konnte, und auch weil ich endlich nach Hause wollte, tat ich es ihnen wieder nach, schnitt von einem Ballen noch ein Rechteck ab und band es mir vor die Augen, ehe ich wieder losfuhr. Es kam, wie es kommen musste. Bereits nach wenigen Sekunden im völligen Blindflug schoss ich mit meiner Motorhaube frontal irgendein größeres Hindernis ab. Ich hielt sofort an, weil ich das Schlimmste befürchtete. Womöglich hatte ich ein Lebewesen oder im schlimmsten Fall sogar einen Menschen angefahren! Ich riss mir den Stofffetzen von den Augen, sprang aus meinem Wagen, um nachzusehen, was ich angerichtet hatte. Vor mir lag neben einer weiteren roten Ampel auf einem Zebrastreifen ein kompaktes graues Tier, das sich nicht mehr rührte. Ich trat näher hin und stellte fest, dass es sich um einen Babyelefanten handelte. Ich beugte mich hinunter zu dem Rüsseltier, um an seiner Brust zu horchen, ob sein Herz noch schlug. Ich bildete es mir ein, konnte es aber nicht mit Sicherheit sagen. Sofort war mir klar, dass ich rasch handeln musste, wenn ich mir später keine Vorwürfe machen wollte. Kurzerhand warf ich die Stoffballen aus meinem Kofferraum aufs Bankett, packte das leblose Tier, das mir erstaunlich leicht vorkam, und bettete es behutsam in meinen Wagen. Dann tippte ich die Adresse der Tierklinik Breitensee in mein Navi und raste los, ohne den zahlreichen roten Ampeln, die den Weg säumten, irgendeine Beachtung zu schenken. Mit quietschenden und rauchenden Reifen erreichte ich kurze Zeit später mein Ziel. Ich drückte an der Pforte der Klinik sofort auf den Knopf der Notglocke. Der verschlafene Mann, der mir öffnete, fragte mich gleich, ob ich von allen guten Geistern verlassen sei. Wir befänden uns mitten in der roten Zone und ich liefe ohne einen transparenten Augenschutz herum. So könne er mich nicht einlassen. Es sei ein Notfall, rief ich aufgebracht, wenn es gar nicht anderes ginge, solle er mir doch bitte rasch einen transparenten Augenschutz borgen. Achselzuckend reichte er mir ein durchsichtiges Rechteck, das ich mir mit einem Gummiband vor meinen Augen fixierte. Dann öffnete ich meinen Kofferraum und hob den immer noch leblosen Babyelefanten heraus. Der Mann deutete mir, dass ich ihm folgen solle. Er führte mich zu einem Behandlungszimmer, in dem ich den Elefanten auf einer Untersuchungsliege ablegte. Ich müsse mich noch einen Augenblick gedulden, sagte der Mann. Es werde gleich jemand kommen. Ich wartete. Wenig später erschien zum Glück eine Frau in einem Tierarztkittel, die sich mir als die Veterinärin Wandschaber vorstellte. Als sie den bewegungslosen Babyelefanten auf der Liege entdeckte, brach sie in schallendes Gelächter aus. Was es da zu lachen gäbe, fragte ich sie, wenn ein unschuldiges Tier in Not sei. Es sei alles in bester Ordnung, rief sie. Sie wolle es mir gleich demonstrieren. Sie machte sich am Anus des Elefanten zu schaffen und zog dort eine Art Stöpsel heraus. Zischend begann sofort Luft aus dem Elefantenkörper zu entweichen. Der Vorgang endete erst, als die Hülle des Tieres vollständig schlaff in sich zusammengefallen war. Die Raumtemperatur hatte sich merklich erhöht. Ich fragte die Veterinärin, was das alles zu bedeuten hätte. Sie griff noch einmal in die Afteröffnung in der Elefantenhaut und zog ein winziges Zellophanbriefchen hervor, in dem ein quicklebendiges Insekt saß. Es hätte sich jemand einen Scherz mit mir erlaubt, erklärte die Veterinärin Wandschaber, und mit heißer Luft aus einer Mücke einen Elefanten gemacht. Ich fragte sie entgeistert, wer sich etwas so Gemeines ausdächte. Das wisse sie leider auch nicht, entgegnete sie. Sie vermute aber, dass höchste Stellen in diesen Schabernack involviert seien. Da packten mich eine solche Wut und eine solche Verzweiflung, dass ich mir alle vier Stoffvierecke vom Gesicht riss und sie der Frau Doktor vor die Füße warf. Wortlos rannte ich hinaus zu meinem Wagen, stieg ein und brauste mit Vollgas davon, um am Stadtrand meine Stoffballen einzusammeln.

Michael, 4. September 2020

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