Die Flucht

Ihr kennt mich nicht. Also in unserem kleinen Ort bin ich schon bekannt, spiele Fußball, gehe Einkaufen, helfe in der örtlichen Pfarre mit, werde geschätzt. Aber doch bin ich fremd, erst vor fünf Jahren gekommen. eine Flucht über mehrere Länder, die Details will ich euch und auch mir ersparen. Manchmal in der Nacht kommen diese verdammten Träume, es ist aber vorbei, oder? Meine Heimat musste ich verlassen, auch das könnt ihr euch nicht vorstellen, im Krieg, als Minderheit verfolgt, Folter. Ihr habt euch zurückgezogen, habt sogar einen Begriff dafür: „Cocooning“. Es geht euch gut, in euren Häusern, mit neuen Sachen aus dem Baumarkt, in euren Wohnungen, mit euren Autos, mit eurer Zusatzversicherung. Eure Politiker tun alles dafür, dass ihr sie wieder wählt, das alles so bleibt wie es ist, sie nennen das Normalität. Ich habe viel gelesen, der Dalai Lama hat recht: Alles hängt mit allem zusammen. Es hilft kein Verleugnen, es gibt nicht nur mich, es gibt viele. Ich kam nicht freiwillig, ich könnte auch heute keinen Asylantrag außerhalb von Europa stellen, das ist rechtlich nicht möglich. Ihr habt schon das erste Mal Holz im offenen Kamin verbrannt, es ist warm bei euch zu Hause an den Herbstabenden. Ich brauche nicht viel, bekomme für kleine Arbeiten etwas Geld, habe sogar ein eigenes Zimmer, das ich selbst bezahle. Ihr seht bunte Bilder im Fernsehen, lässt euch wie kleine Kinder ablenken, kauft, konsumiert, interessiert euch nicht. Das soll kein Vorwurf sein, ich kann euch nicht ändern. Aber ihr müsst wissen, dass ich die letzten Jahre viel getan habe, um mich zu integrieren. ich spreche bereits eure Sprache, kenne eure Kultur, bin sogar jetzt schon manchmal überrascht, dass ihr euch nicht mehr dafür interessiert. Ihr schaltet die Netflix-Serie an, wann ihr es wollt, habt alles in eurem Besitz, braucht nicht zu teilen. Ihr nennt das Freiheit, verführt zum Konsum. Ich habe ein Mobiltelefon, von meinem Geld bezahlt, ihr gönnt es mir nicht. Eure Politiker schieben solche wie mich in eurem Namen ab, in angeblich sichere Drittländer. Ich frage mich manchmal, ob ihr das wirklich wollt. Jene, die mich kennen, wollen es nämlich nicht. Ich bin glücklich, habe einige Freunde und gute Bekannte, kann Bücher kaufen, kann auf der Straße ohne Angst gehen, kann mir zu Essen kaufen, im Sommer ist sogar ein See in der Nähe zum Baden. Ihr habt viel mehr, so viel, dass ihr Angst haben müsst, etwas zu verlieren. Wenn ich euch nur dazu bringen könnte, etwas herzugeben, zu teilen. Ihr würdet sehen, es macht wirklich frei, letztendlich zufrieden. Das größere Haus, das größere Auto, sie haben euch belogen, ihr wisst es bereits. Heute wolltet ihr mich abschieben, in der Nacht, es sollte keiner mitbekommen, wer ich bin, keiner den Schmerz in meinem Gesicht sehen. Eure Politiker haben zwar ganze Arbeit geleistet, aber nicht mit einem kleinen Asylanwalt aus meinem Ort gerechnet. Positiv, ihr wisst nicht, wie sich das anfühlt, nach fünf Jahren, positiv. Ich bleibe, ich bin euer Gewissen, ich will euch die Hand reichen. Ich will, dass auch ihr dieses unbeschreibliche Glück empfindet, ohne Netflix, ohne Auto, ohne große Häuser und große Wohnungen, ohne Produkte aus der Werbung, ohne den Verführern. Ich höre den Haussperling noch vor Sonnenaufgang singen, spüre diese Kraft der Natur, weiß, ihr könnt sie auch spüren und gemeinsam können wir daher alles verändern. Wir sind jetzt aufgewacht.

Harald, 11. September 2020.

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