Metamorphose

Bei einem Preisausschreiben hatte ich einen mehrtägigen Aufenthalt im Disneyland Paris gewonnen. Ich flog in der Hauptsaison hin, bezog mein Quartier und stürzte mich dann sofort ins Vergnügen in dem weitläufigen Park. Wegen der langen Schlangen an den einzelnen Attraktionen begann ich mir die Wartezeiten zu verkürzen, indem ich mich mit Dosenbier volllaufen ließ. Als ich an der großen Minenachterbahn endlich an die Reihe kam, war ich schon so betrunken, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Ich legte mich in den letzten Wagen und schlief sofort ein.

Als ich geraume Zeit später endlich wieder aufwachte, war es bereits dunkel. Es herrschte völlige Stille. Nichts bewegte sich. Ich kletterte aus dem Wagen und stellte fest, dass die Nacht hereingebrochen war. Ich versuchte mich zu orientieren und begriff, dass ich auf einem Abstellgleis gelandet war, auf dem der Zug ruhte, während er nicht gebraucht wurde.

Weil ich ein wenig fror und Hunger hatte, setzte ich mich sofort in Bewegung, um nach dem Ausgang zu suchen. Vielleicht, dachte ich, hatte ich ja Glück und erwischte irgendwo ein Taxi, das mich zu meinem Quartier zurückbrachte.

In der Dunkelheit gestaltete sich die Orientierung mühsam. Mehrmals wusste ich an Weggabelungen nicht, wo ich abbiegen sollte und traf meine Entscheidungen aus einem reinen Bauchgefühl heraus. Ich hatte das diffuse Gefühl, dass ich mich immer weiter aus der realen Welt entfernte. Als ich schließlich fürchtete, dass ich mich hoffnungslos verlaufen hatte, hörte ich plötzlich in einiger Entfernung vor mir Stimmen. Ich schlug die Richtung ein, aus der sie kamen, und entdeckte vor mir eine ansehnliche Anzahl von Zirkuswagen, die in einem Halbkreis angeordnet waren.

Ich vermutete, dass ich auf die Schlafquartiere der Parkmitarbeiter gestoßen war. In den Wagen brannte, wohl der späten Stunde geschuldet, nirgendwo Licht. Vor einem der Wagen loderte allerdings ein kleines Lagerfeuer, neben dem ein Campingtischchen stand, an dem zwei Gestalten saßen, die miteinander Karten spielten. Als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass eine der Gestalten einen Micky-Maus-Kopf hatte, die andere den von Goofy.

Obwohl mir sofort einfiel, dass untertags Micky-Maus- und Goofy-Doubles im Park unterwegs waren und zusammen mit den Besuchern für Erinnerungsfotos posierten, kam es mir doch seltsam vor, dass die beiden mitten in der Nacht beim Kartenspiel ihre Masken nicht abgenommen hatten. Ich verbarg mich hinter einem Busch und dachte nach, wie ich weiter vorgehen sollte.

Auf einmal schossen die beiden Gestalten in die Höhe und begannen lautstark miteinander zu streiten. Goofy warf Micky Maus vor, dass er beim Kartenspiel betrogen hätte.

Als Micky daraufhin wütend den ganzen Kartenstapel vom Tisch fegte, packte Goofy als Reaktion darauf den Tisch und schmiss ihn ins Lagerfeuer. Die beiden Kontrahenten brüllten einander an und überschütteten sich mit gegenseitigen Vorwürfen. Es blieb nicht bei den verbalen Attacken. Goofy fing an, Micky zu schubsen, der sich wehrte, indem er zurückboxte. Binnen weniger Augenblicke eskalierte die Auseinandersetzung zu einer handfesten Keilerei.

Ich überlegte, ob ich Hilfe holen sollte. Die Entscheidung wurde mir abgenommen, als plötzlich mit affenartiger Geschwindingkeit ein halbes Dutzend schwarze Uniformierte vom Sicherheitsdienst hinter den Zirkuswagen hervorsprangen und die Streithähne umzingelten und trennten. Nachdem Micky und Goofy sich einigermaßen beruhigt hatten, forderte sie der Sprecher der Uniformierten auf, dass sie auf der Stelle ihre Masken abnähmen. Die Angesprochenen leisteten widerspruchslos Folge.

Mir wären beinah die Augen aus dem Kopf gefallen, als ich sah, was sich unter den Masken verbarg. Unter dem Goofykopf kam ein Micky zum Vorschein und unter dem Mickykopf ein Goofy.

“Wie oft habe ich es auch schon gesagt“, blaffte der Chef des Sicherheitstrupps. “Nur sortenreine Verkleidungen! Mickys tragen Mickyköpfe und Goofys tragen Goofyköpfe. Alles andere bringt nur Zank und Hader! Das gibt eine Woche Arrest für euch!“

Die beiden wurden von den Sicherheitsleuten auf der Stelle abgeführt.

Mich packte das Entsetzen. Ich beschloss, schleunigst das Weite zu suchen. Doch gerade als ich meine Beine in die Hand nehmen wollte, um endgültig die Flucht zu ergreifen, wurde auch ich von einem Trupp Uniformierter umzingelt. “Halt!“, rief deren Anführer, obwohl ich bereits stehengeblieben war, starr vor Schreck. Ich hob zur Sicherheit meine Hände.

“Micky oder Goofy?“, brüllte der Anführer.

“Ich verstehe nicht …“, stammelte ich.

“Nimm sofort deine Maske ab!“, befahl der Uniformierte.

“Aber das geht nicht . Ich bin keiner von euch“, rief ich. “Ich bin ein Besucher.“

“Maske ab!“, beharrte der Anführer, während seine Leute mich immer weiter bedrängten. Verzweifelt legte ich meine Hände an meinen Kopf und tat so, als ob ich meine Maske abnähme.

Zu meinem maßlosen Erstaunen ließ sich die oberste Schicht meines Kopfes, an der mein Gesicht hing, problemlos abnehmen.

“Ein Goofy, also“, grunzte der Anführer, als ich fertig war, und riss meine Maske an sich.

„Ich verstehe immer noch nicht!“, rief ich.

Er hielt mir einen Taschenspiegel hin, in dem ich anstatt meines eigenen Kopfes einen Goofykopf erblickte.

“Du fängst morgen in der Frühschicht an!“, beschied mir der Uniformierte, während sein Trupp mir den Weg freigab. “Nun leg dich schlafen. Im vierten Wagen ist noch ein Bett für dich frei.“

Mit einem Mal spürte ich, dass es keinen Sinn hatte, ihm zu widersprechen. Ich nickte schweigend und machte mich, flankiert von den Sicherheitsleuten, auf den Weg zu den Wagen. Als wir das kleine Lagerfeuer erreichten, das immer noch loderte, hielt mich der Anführer plötzlich an der Schulter zurück.

“Eins noch!“, rief er. „Ich erwarte dich morgen mit einer anständigen Goofymaske zum Dienst! Du hast ja selbst gesehen, wohin der Ungehorsam führt.“

Ich blickte ihn unterwürfig an.

“Die hier brauchst du ja nicht mehr“, sagte der Anführer und deutete auf die Maske, an der mein altes Gesicht hing.

“Willst du sie etwa ins Feuer werfen?“, fragte ich entsetzt.

“Keineswegs“, erwiderte er. “Sie kommt zu allen anderen und wird nun bei uns ausgestellt, in unserem Museum der verlorenen Gesichter.“

Michael, 18. September 2020

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