Die Richtlinie

Am Montag um 7:35 Uhr verließ sie das Haus Richtung Büro. Seit Wochen war ihr der um zwei Jahre jüngere Kollege ins Auge gestochen. Dieser war zwar schon seit mehreren Jahren im Unternehmen, hatte jetzt aber eine andere Frisur, wenn nicht sogar eine andere Augenfarbe, wirkte offener und plötzlich ausgesprochen sympathisch. Sie tranken in der Kantine Kaffee, plauderten über Berufliches wie Privates und verstanden sich wirklich gut. Sie lachte über seine Witze, seine Blicke wurden intensiver. „Never fuck the company“, war doch ihr Leitspruch, jetzt alles gedanklich bereits über Bord geschmissen. Kurze Zeit später fiel das Flirten sogar ihrem Vorgesetzten auf und dieser suchte das Gespräch. „Ich habe beobachtet, dass du mit Lukas oft in der Kantine flirtest. Das verstört mich. Du weißt ja, dass wir partnerschaftliche Beziehungen bei uns ablehnen und ich habe daher die Bitte, dass du das in Zukunft unterlässt und Kollegen als Kollegen betrachtest.“, führte ihr Vorgesetzter aus. „Scheiß gewaltfreie Kommunikation“, dachte sie kurz und versprach, dass das nur ein gutes Arbeitsverhältnis bleiben würde. Bereits beim Hinausgehen wusste sie, dass ihr Versprechen eine Halbwertszeit von wenigen Stunden hätte. Am Nachmittag ging Julia daher noch einen Schritt weiter und verabredete sich mit Lukas am Abend zu einem Essen in einem kleinen, netten Restaurant. Nach dem Essen küssten sie sich das erste Mal und gingen händchenhaltend auf der Strasse zur Busstation. Dort küssten sie sich gerade nochmals, als sie eine vertraute Stimme vernahmen: „Sieh an, sieh an. Soviel hat also unser Gespräch gebracht. Das wird Konsequenzen haben“, schnautzte sie ihr Vorgesetzter an, der gerade mit seiner Frau aus dem gegenüber liegenden Theater gekommen war. Seine Frau machte eine schnippische Handbewegung in ihre Richtung und schien ihn zu bestätigen. Zerknirscht verabschiedete sich Lukas von ihr und nahm zärtlich nochmal ihre Hand. Julia wurde am nächsten Morgen bereits zu ihrem Vorgesetzten zitiert. Sie setzte sich und hatte ihr Mobiltelefon samt Block auf den Besprechungstisch gelegt. Der Vorgesetzte kam ohne Umschweife zur Sache und sprach ohne mit der Wimper zu zucken die Kündigung aus. Mit Tränen in den Augen verließ sie das Büro. Sie packte am Schreibtisch ihre persönlichen Habseligkeiten zusammen und unterhielt sich noch kurz mit ihren Bürokolleginnen. Diese konnten es nicht fassen, das so etwas heutzutage noch möglich wäre. Um sie etwas zu trösten, öffneten sie eine Prosecco-Flasche und tranken ein Glas auf ihre neue Zukunft, die zumindest privat doch vielversprechend wäre, da es bei Lukas um einen attraktiven Mann handelte, der außerdem noch Manieren hätte. Zwei Stunden später wollte sie beim Hinausgehen Lukas anrufen, als sie bemerkte, dass ihr Mobiltelefon fehlte. Ihr fiel sofort ein, dass sie es am Schreibtisch ihres Vorgesetzten vergessen hatte. Sie ging in den zweiten Stock und ging in das Büro ohne vorheriges Klopfen, da drinnen kein Licht brannte, was sie durch das Glasfenster trotz der heruntergelassenen Jalousien feststellen konnte. Mit hohem Tempo betrat sie das Büro und hörte nur einen lauten Schreck, als sie den Lichtschalter betätigte. Auf dem Schoß des Vorgesetzten befand sich definitiv nicht seine Frau, sondern seine Assistentin. Sie setzte sich an den Besprechungstisch und nahm ihr Mobiltelefon an sich. „Ich denke, sie wollen mich doch nicht kündigen oder irre ich mich?“, begann sie das Gespräch während die verdutzte Assistentin noch immer keine Anstalten machte, ihren Platz zu verlassen. „Völlig richtig.“, antwortete der Vorgesetzte, der seiner Assistentin links über die Schulter blickte. Um die unangenehme Situation schnell zu entschärfen, bot ihr auch noch eine Gehaltserhöhung von zwanzig Prozent an, die Julia dankend entgegennahm. Als Julia noch immer am Tisch saß, wünschte ihr schließlich auch noch viel Glück mit Lukas und führte aus, dass Richtlinien nur einen Rahmen vorgeben und Ausnahmen in diesem Fall mal wieder die Regel bestätigen würden. Nun stand sie auf und drehte das Licht ab und die Assistentin versuchte bereits, als sie hinausging, ihrer unterbrochenen Arbeit wieder nachzugehen, was beim Vorgesetzten ein ärgerliches Stöhnen hervorrief.

Harald, 2. Oktober 2020

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