Pinguin

Olaf und Gerhard, die miteinander verheiratet waren, hielten es in ihrer Ehe so, dass einer dem jeweils anderen Blumen mitbrachte, wenn er von einer Ge­schäftsreise heimkehrte, meistens rote Rosen. Diese wiederholten kleinen Gesten hielten ihre Beziehung jung. Eines Tages entdeckte Gerhard auf der Rückreise von einem Meeting in Fernost bei der Zwischenlandung in Düsseldorf eine Tierhandlung, in der allerhand exotisch anmutende Kreaturen zollfrei angeboten wurden. Er entschied sich spontan für einen Verzicht auf die obligatorischen Blumen und erstand stattdessen in dem Zoogeschäft einen Pinguin als Mitbringsel für Olaf. Der Heimtransport auf dem noch ausständigen, kurzen Regionalflug erwies sich als völlig unproblematisch, weil das Tier die ganze Zeit brav auf Gerhards Schoß sitzenblieb. Olaf freute sich sehr über das Geschenk und gestand Gerhard, dass er der ewigen Blumen in letzter Zeit ohnehin schon ein wenig überdrüssig geworden sei. Jedenfalls sei er froh über das originelle Haustier, das ihnen sicher ein guter Mitbewohner und Spielkamerad sein würde. Sie besorgten ein Hundekörbchen, das dem Pinguin als Schlafstatt dienen sollte. Tagsüber wollten Olaf und Gerhard ihm den Aufenthalt in ihrer gemeinsamen Badewanne gestatten, die sie mit eiskaltem Wasser zu füllen gedachten. In den ersten Nächten schlief der Pinguin folgsam im Stehen in seinem Körbchen. Als er jedoch herausfand, dass seine beiden neuen Adoptiveltern selbst in einem Wasserbett nächtigten, hielt es ihn keine Sekunde länger an dem ihm zugedachten Platz. Er watschelte zu Gerhard und Olaf ins Schlafzimmer, sprang aufs Bett und legte sich glücklich zwischen die beiden Ehemänner. Entspannt vom sanften Gluckern des Wassers schlief der Vogel sofort ein. Olaf und Gerhard, denen das Glück ihres Schützlings ein Herzensanliegen war, ließen ihn auch in den folgenden Nächten gewähren. Dadurch ergab es sich, dass die beiden Männer, die auch davor ihre Ehe ohnehin nicht allzu häufig vollzogen hatten, den körperlichen Anteil ihres Zusammenlebens ganz aufgaben und sich andere Ausdrucksweisen ihrer Zuneigung aneigneten, die eher platonische Natur waren. Ihre Beziehung zueinander litt dadurch nicht im geringsten, eher im Gegenteil. Durch die Gegenwart des Pinguins, der wie ein Sohn für sie war, lebten sie fortan wie eine kleine Familie.

Michael, 16. Oktober 2020

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