Der schöne Herbsttod

Die Blätter waren bunt, kälter und feucht die Nächte. Die Natur war am am Vergehen. Sabine beruhigte das. So manch einjähriges Gewächs entzog sich durch das Absterben dem Winter, der so alle Macht verlor. Sie hat den Gedanken oft weiter gesponnen, der Tod als absolutes Entziehen, die Horrorvorstellung der arbeitenden und produzierenden Gesellschaft. Sie mochte über weite Strecken ihre beruflichen Tätigkeiten, hasste aber fast alle Kollegen, diese unter Pseudowissen versteckte, rohe Dummheit. Sabine konnte jederzeit, wenn sie denn wollte, sich dem Ganzen endgültig entziehen, so hilfreich konnte nur der Tod sein. Sie lächelte öfter bei dem Gedanken und ihre Kollegen konnten sich das angesichts der für sie wichtigen Termine beim Monatsabschluss nicht erklären. Der Tod als Freund, als Helfer in der Not, Sabine gewann Lebensfreude. In ihrer elfjährigen Beziehung lief alles schief. Sie putzte, kochte, arbeitete, zog ein Kind groß. Er trank öfter, war dann aggressiv, arbeitete sporadisch, liebte andere und wusch sein Auto jeden Samstag. Das Waschen des Autos war es eigentlich, was sie am meisten störte. Dieses Blankpolieren, Saugen, Wischen, Kratzer ausbessern, sie verdammte ihn für diese Spießbürgerlichkeit, für sein blödes Grinsen, wenn das Auto wieder wie neu aussah. Ihr Freitod würde das alles vergessen machen, sie sah schon ihr Blut am frisch gewaschenen, weißen Bürgerkäfig mit den vier Ringen runter rinnen und sein dämliches Gesicht angesichts des verschmierten Lacks. Wieder lächelte sie. Seit zwei Monaten hatte er ein neues Hobby entdeckt, nachdem er im vierten Anlauf die Jagdprüfung doch noch geschafft hatte. Seitdem gab es einen Waffenschrank, was Sabine sehr zugute kam. Sie hatte schon alles im Haus, um sich endgültig aus dem Staub zu machen, wobei sie dachte, dass jener das Einzige sei, was von ihr zurückbleiben würde. Sie plante kein Begräbnis, es war ihr schlichtweg egal, sie war nicht mehr hier. Dies Idee wurde immer intensiver, sie immer glücklicher. Diesen Samstag war es dann soweit. Er war wieder zu Gange draußen vor der Garage mit dem Gartenschlauch und seinem Auto. Sie nahm das Jagdgewehr, lud es und ging hinunter. Dann der erlösende Schuss, der sie befreite. Es war still, kein Laut mehr zu hören. Eine gefühlte Ewigkeit später hörte sie nur die Blätter fallen. Sie konnte sich das Ganze irgendwie nicht erklären. Er lag neben dem Auto, erschossen, mitten ins Gesicht und eins stand fest: Der Gärtner war es nicht. Die Kripobeamten ermittelten, nachdem die Notärztin nur mehr den Tod feststellen konnten. Er wollte zur Jagd, sie brachte ihm das Gewehr, das er unvorsichtigerweise geladen im Schrank aufbewahrte. Ein Schuss, der sich unbeabsichtigt löste, nicht ihre Schuld, wie es auch das Landesgericht nach Abschluss der Ermittlungen bestätigte. Sie war nicht unglücklich über den Ausgang und überlegte kurz, ob sie nicht mit dem Jagdgewehr in die Arbeit gehen sollte, um sich dort aller Verpflichtungen endgültig zu entledigen, der frei gewählte eigene Tod. Da es aber jetzt schon einmal so gründlich daneben ging, verwarf sie die Idee und verließ das Unternehmensgebäude letztmalig mit den Worten „Leck mich am Arsch!“, als ein Kollege sie darauf aufmerksam machte, dass in ihrer Excel – Tabelle ein Fehler enthalten war. Der Kollege schrie, hyperventilierte und meinte, dass das der Gipfel aller Frechheiten wäre. Sie lächelte draußen vor dem Gebäude und wusste, dass er doch eigentlich gut davongekommen war.

Harald, 30. Oktober 2020

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