Schöner Advent

Anna, seit 17 Jahren verheiratet, hatte vor zwei Tagen einen wunderschönen Adventkranz gebastelt. Der mittelgroße Kranz bestand nur aus kleinen Tannenzapfen, die sie mühevoll im Wald gesammelt hatte. Drei unterschiedlich große, mattgrüne Kugeln sowie vier hohe, dunkelbraune Kerzen zierten den Kranz. In der Mitte befanden sich ein weißer Rehbock und ein weißes Reh. Diesen Sonntag war es soweit, sie stellte den Kranz feierlich auf den Tisch und hängte den Adventkalender, gefüllt mit dunkler Schokolade, an die Wand. Nachdem Anna mit den Frühstücksvorbereitungen fertig war, rief sie ihren Ehemann Ferdinand. Ferdinand schrie mit vom Alkoholkonsum des Vortages leicht beschlagener Stimme, dass er gleich kommen würde, nachdem er seine Notdurft – er hatte sich anders ausgedrückt – verrichtet hätte. In der Küche angekommen, der Tisch war reichlich gedeckt, sah er den Adventkranz und begann schreiend zu fragen, was das denn nun sein sollte. Das wäre ein Zustand, kein Adventkranz, ein moderner Mist, ein Adventkranz müsste drei rote Kerzen sowie für Gaudete eine rosarote haben, außerdem könnte ein Adventkranz nur aus Tannenzweige bestehen und Tannenzapfen würden auf den Kranz gehören. Was diese aus seiner Sicht blöden Figuren in der Mitte machen würden, erschloss sich ihm gar nicht, weshalb er noch lauter wurde. Anna blieb ruhig und meinte, dass sie mal etwas anderes machen wollte. „Was anderes, was anderes!?“, brüllte Ferdinand, „wenigstens gibt es einen Adventkalender.“. Dieser beruhigte ihn nach dem Öffnen des ersten Türchens aber nicht, sondern brachte ihn vollends in Rage. „Dunkle Schokolade. Seit wann bitte schön mag ich dunkle Schokolade?“, fragte er rhetorisch. Er hüpfte nun schreiend durch die Küche, griff nach der Rumflasche vom Vortag, um den Geschmack der dunklen Schokolade zu verdrängen und schenkte sich ein Glas ein. Anna blieb ruhig, schaute Ferdinand an und hatte jetzt endgültig genug. Als er mit seinem Glas, das bis fast zum Rand mit Rum gefüllt war, zum Tisch kam und eine abschätzige Bemerkung über sie machte, nahm sie den Adventkranz in die Hand und stülpte ihm diesen über den Kopf. Bei seiner Nase lag der Kranz gut auf und verdeckte ihm die Augen. Vor Schreck ließ er sein Glas fallen. Sie nahm ein Zündholz und brachte die erste Kerze zum Brennen. „Spinnst du jetzt völlig, komplett durchgeknallt, du blödes Weib!“, krächzte er, wobei er immer noch so perplex war, dass er den Adventkranz, der ihm einige Kratzer an der Stirn zugefügt hatte, nicht von seinem Kopf entfernte. Er stand vor dem Küchentisch, die Kerze brennte noch immer, der weiße Rehbock und das weiße Reh auf seinem Kopf machten sich nicht einmal schlecht. Weil es die Stimmung und Tradition, auf die Ferdinand soviel Wert gelegt hatte, verlangte, trug sie Ferdinand einen bekannten Weihnachtsvers vor, den sie aber auch noch leicht modifizierte:

„Advent, Advent ein Lichtlein brennt,

Erst eins, dann zwei,

sicher nicht drei und schon gar nicht vier,

dann steht der Scheidungsrichter vor der Tür.

Und wenn das fünfte Lichtlein brennt,

dann habe ich ich mich von Dir, du Penner, schon lange getrennt.“

Anna biss von ihrem Marmeladebrot ab, nahm einen Schluck Kaffee und ging dann hocherhobenen Hauptes aus dem Haus, das ihr kurze Zeit später gerichtlich zugesprochen wurde. Anna lernte einen jüngeren Künstler kennen, der nicht nur ihren Adventkranz für außergewöhnlich befand. Ferdinand traf sie nie wieder. Angeblich hatte er im Osten bei den Frauen vergeblich sein Glück gesucht und befindet sich seit kurzer Zeit nach einem unschönen Vorfall, der sich ereignete, nachdem sein geliebter Schützenverein beschloss, Frauen aufzunehmen, in einem Gewaltpräventionsprogramm.

Harald, 27. November 2020

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