Bimbo

Einmal ließ ich mich von meiner Freundin Babette, die ich nicht verlieren wollte, zu einer Veranstaltung in die Philharmonie schleppen. Auf dem Programm stand das Bratschenkonzert von Bartok, das mich nicht im Geringsten interessierte. Wir saßen in einer Seitenloge und hatten von oben einen großzügigen Überblick über den ganzen Saal. Babette benutzte ihr Opernglas und ließ ihren Blick übers Orchester schweifen, das die Ankunft des Dirigenten und des Solisten erwartete. Der Dirigent kam zuerst. „Es ist Fuchtini“, sagte Babette. „Ein Meister seines Faches. Er führt das philharmonische Orchester wie kein Zweiter.“ Schließlich erschien im aufbrandenden Applaus des Publikums auch der Solist auf der Bühne. „Das ist doch vollkommen unmöglich!“, rief Babette plötzlich fassungslos und reichte mir das Opernglas. „Der Solist sieht aus wie ein Tier. Er hat den Kopf eines Boxerhundes.“ Ungläubig hielt ich mir den Gucker vors Gesicht, um Babettes Behauptung zu prüfen. „Tatsächlich!“, rief ich lauter als beabsichtigt. „Ich kenne ihn sogar. Das ist Bimbo, der früher bei uns in der Nachbarschaft gewohnt hat. Sein Frauchen hieß Heidi.“ „Du spinnst doch!“, empörte sich Babette und begann in dem Programmheft zu blättern. „Du willst dich wohl über mich lustig machen.“ Sie begann, die Besetzungsliste vorzulesen. „Dirigent: Kasimir Fuchtini“, las sie, „Solist: Bimbo Paprika.“ „Na, siehst du!“, erwiderte ich triumphierend. „Ich hatte recht.“ „Aber, aber, das geht doch nicht“, stammelte Babette. „In Bartoks Konzert kann doch kein Boxerhund die Solobratsche spielen!“ „Du siehst doch, dass es geht“, schmunzelte ich. „Bimbo war ja von Anfang an extrem ehrgeizig. Ich kenne ihn nicht anders. Er erhielt schon damals Bratschenunterricht, als er noch in meiner Nachbarschaft wohnte.“ Babette schüttelte ungläubig den Kopf, schwieg aber, weil in diesem Augenblick das Konzert begann. Bimbo Paprika spielte das Bratschenkonzert in hinreißender Eleganz und mit sensationellem Einfühlungsvermögen. Sein feinmotorisches Handicap, das der Tatsache geschuldet war, dass er ein Boxerhund war, kompensierte er mit seiner raffinierten Spieltechnik. Nachdem die letzten Takte verklungen waren, brach zu Recht stürmischer Beifall los, den Bimbo Paprika mit dankbarem Gebell quittierte. Babette, die angesichts der fulminanten Darbietung mit der Welt augenscheinlich wieder im Reinen war, fragte mich, wie es mir denn gefallen hätte. „Ausgezeichnet“, erwiderte ich augenzwinkernd. „Bimbo war ja immer schon ein wilder Hund.“

Michael, 4. Dezember 2020.

2 Kommentare zu „Bimbo

  1. Du warst scheinbar schon lange in keinem Konzert. Das sind eindeutig Entzugserscheinungen. Wau wau!🐕‍🦺🐕‍🦺🐕‍🦺sein Name ist genial!

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