Verschüttete Träume

Katharina träumte oft von einem Vogel, der nicht fliegen konnte. Dafür hatte sie keine Erklärung, die Antwort fand sie erst viel später. Katharina sparte schon lange mit ihrem Ehemann, um sich ein kleines Grundstück zu kaufen. Sie verzichteten auf Urlaube, auf Clubbesuche, teure Klamotten und arbeiteten viel. In einer kleinen Landgemeinde, 25 km von der Stadt entfernt, fanden sie es. Es war ihnen beiden sofort klar, dass hier der Traum Wirklichkeit werden würde. Der Kaufpreis konnte bar überwiesen werden. Selbst für den Hausbau wollten sie nur einen kleinen Kredit aufnehmen und viel selber machen. Ihre Freizeit wurde noch spärlicher. Träume verwirklichen wäre eben kein Kinderspiel, resümierten sie beide. Nach eineinhalb Jahren stand der Rohbau und sie waren mächtig stolz in jungen Jahren so viel erreicht zu haben. Ihre Freunde, die sie kaum sahen, konnten nur von wechselnden Bekanntschaften, neuen Songs, Engagement für irgendwelche Umweltsachen und angemieteten Wohnungen berichten. Zwei Jahre später zogen sie in das Haus, auch wenn erst das Erdgeschoss innen fertiggestellt wurde, so war doch der Traum wahr geworden. Katharina konnte es nicht fassen, so viel Platz für sie beide. Natürlich wollten sie Kinder, es funktionierte nur nicht von Beginn an. Aber auch hier würde sich die Hartnäckigkeit früher oder später bezahlt machen. In all den Jahren hatten sie immer gemeinsame Ziele, freuten sich über die Erfolge und waren doch glücklich. Es war im Advent, alles dekoriert, der Weihnachtsbaum schon gekauft, er sagte nur: „Es ist vorbei.“ Diese Worte hörte sie, verstand sie aber nicht, selbst als er seine Sachen gepackt, das gemeinsame Haus verlassen hatte, konnte sie es nicht verstehen. Sie waren glücklich, sie hatten ihre Träume verwirklicht, selbst das mit den Kindern hätte wohl in Kürze mit etwas ärztlicher Hilfestellung geklappt. Sie blieb im Haus, er schenkte ihr im Zuge der Scheidung sogar seinen Anteil. Wenige Monate danach hörte sie, dass er mit einer Sängerin einer irischen Rockband liiert wäre. Sie zog weg, ertrug das Haus nicht mehr. Überall war doch der gemeinsame Traum gegenwärtig, in jedem Ziegel, in jeder Ritze. Sie konnte aber nicht loslassen, behielt das Haus und kümmerte sich nicht mehr darum. Zwanzig Jahre waren vergangen, das Gefühl „Es ist vorbei“ immer noch präsent. Manuel tauchte im November auf, sie spürte zum ersten Mal wieder Zuneigung, fasste sogar so etwas wie Vertrauen. Ihre Gespräche waren offen und oft auch tiefgründig. Manuel bestand darauf, das Haus zu besuchen, vielleicht würde es ihre gemeinsame Zukunft werden. Voller Widerwillen fuhren Katharina mit ihm aufs Land und sah zum ersten Mal, was von ihrem damaligen Traum übrig blieb. Sie blieb Minuten davor stehen und die Tränen flossen über ihre kalten Wangen. Manuel nahm sie in den Arm und gemeinsam gingen sie durch die Trümmer im Erdgeschoss. Er versuchte sie zu trösten, nahm sie in den Arm und meinte, daraus könnte doch was gemacht werden. Ein weiterer Traum, diesmal sollte es klappen. Katharina atmete ruhig, spürte die Last der Vergangenheit und meinte: „Ich verkaufe es.“ Sie fuhren zurück in ihre Mietwohnung, sie war sich sicher wie noch nie in ihrem Leben. Manuel verstand es überhaupt nicht und so endete diese Beziehung schon wieder, bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte. Katharina war ihm aber über alles dankbar. Am Adventkranz brannten alle vier Kerzen, als sie die Kündigung für die Mietwohnung und die Kündigung für ihren Arbeitgeber ausdruckte. Sie unterfertigte die Dokumente und gab sie auch gleich zur Post. In den nächsten beiden Tagen entsorgte sie einen Großteil ihres Hab und Gut und packte den Rest in einen Koffer. Ein Leben lang hatte sie Träume gelebt, aber nicht die ihren, den Traum ihres Ehemannes, den Traum ihrer Eltern, den Traum ihres Arbeitgebers. Am Abend blies sie die Kerzen des Adventkranzes aus und warf den Schlüssel unten in den Postkasten. Das Flugzeug nach Mauritius, die Insel des Dodos, wird mit ihr in fünf Stunden in München abheben.

Harald, 18. Dezember 2020.

2 Kommentare zu „Verschüttete Träume

    1. Hallo, vielen herzlichen Dank. Das gibt uns zusätzliche Motivation. Die Geschichten erscheinen wöchentlich und beschäftigen sich zurzeit mit dem Thema „Beziehungen“. Das Ganze gibt es auch bereits in Buchform („Literarisches Biergeflüster“), in Kürze erscheint „Nachtgeflüster“, jeweils mit 52 Kurzgeschichten, die durch das Jahr begleiten.

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