Schlampenstempel

Kinkerlitz, der noch auf der Suche war nach Weihnachtsgeschenken, ging in einen Schreibwarenladen und fragte nach Schlampenstempeln. Ihm sei zu Ohren gekommen, dass es eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Varianten gäbe. Er würde sich gern einen Überblick verschaffen. Dafür sei ein Schreibwarenladen vielleicht nicht der richtige Ort, sagte die Verkäuferin errötend und kichernd. Sie wolle ihm aber gern ihren Schlampenstempel zeigen. Das wäre ihm sehr recht, erwiderte Kinkerlitz. Wenn er ihm auf Anhieb gefalle, wolle er ihn gleich mitnehmen. Sie wisse es schon zu schätzen, wenn ihre Kunden ihre Wünsche klar und direkt äußerten, sagte die Verkäuferin und nahm Kinkerlitz bei der Hand. Es wäre aber besser, wenn er sich ihren Stempel hinten im Lager ansähe. Ihre Kollegen und die übrigen Kunden müssten nichts davon mitbekommen. Kinkerlitz leuchtete zwar der Grund für diese Heimlichtuerei nicht ein, er folgte der Verkäuferin aber widerspruchslos ins Lager. In einer Ecke im hinteren Bereich, in dem das Licht ein wenig schummerig war, knöpfte die Verkäuferin ihre Bluse auf und zog sie aus. Sie freue sich, dass er an ihr so interessiert sei, sagte sie, sie heiße übrigens Marlies. Kinkerlitz fragte sie, ob sie von allen guten Geistern verlassen sei. Er sei doch wegen eines Schlampenstempels hier und nicht weil er im Lager den entblößten Leib einer Verkäuferin betrachten wolle. Da lachte Marlies und sagte, dass er, Kinkerlitz, ein ganz Raffinierter sei. Sie drehte ihm ihren Rücken zu und zog ihre Unterhose eine Handbreit nach unten, damit Kinkerlitz die Tätowierung gut sehen konnte, die auf dem Übergang von ihrem Rücken zu ihrem Gesäß prangte. Er hätte ihren Körperschmuck gar nicht sehen wollen, rief Kinkerlitz verzweifelt, er sei doch bloß auf der Suche nach besonderen Stempeln. Womöglich werde sie, Marlies, ihn am Ende noch fragen, ob er sie vielleicht begatten wolle. Aber ihre Tätowierung sei doch ein echter Schlampenstempel, erklärte Marlies. Die symmetrischen Ornamente auf ihre Kehrseite nenne man so. Sie wolle sich übrigens durchaus gern von ihm, Kinkerlitz, begatten lassen, sie könne ihre Unterwäsche auch ganz ausziehen, wenn er vorher noch mehr von ihr sehen wolle. Er wolle keinesfalls noch mehr von ihr sehen, seufzte Kinkerlitz. Er vermute vielmehr, dass er einem Irrtum aufgesessen sei und dass sich derjenige, der ihn zur Besorgung von Schlampenstempeln in ein Schreibwarengeschäft geschickt hätte, sich einen Jux mit ihm erlauben wollte. Davon lasse er sich aber nicht beirren. Er habe nämlich noch eine zweite Besorgung zu tätigen. Nebenan sei ein Laden für alles, was in Zusammenhang mit der Jagd stünde. Man sei dort auf Tiertrophäen spezialisiert. Dort wolle er, Kinkerlitz, sich nach dem Kopfschmuck von anatomisch fehlgebildeten Hirschen erkundigen, sogenannten Arschgeweihen. Marlies‘ Hinweis, dass er, Kinkerlitz, in diesem Fall auch gleich hierbleiben könne, um sie zu begatten, verstand Kinkerlitz nicht. Es störte ihn auch, dass sie schallend lachte, als er das Lager verließ.

Michael, 18. Dezember 2020

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